Kursiv & Co

Kursive Gedanken, großgeschriebene Schimpftiraden, fette Betonungen, vielleicht auch noch ein paar Smileys – manchmal kommt es mir so vor, als ob Belletristik immer mehr in Richtung Comic abgleitet. Aber nicht deshalb, weil es überlegte Veränderungen sind, sondern weil man es bei Stephen King oder Hohlbein so gesehen hat und dann wird es schon in Ordnung sein. Und, was natürlich niemand zugeben würde, weil man nur so das ausdrücken zu können glaubt, was man zu sagen hat.

Dieser Artikel betrifft übrigens ausschließlich belletristische Texte.

Was waren doch Goethe und Hemmingway arm dran, all diese leckeren Möglichkeiten nicht nutzen zu können, weil sie im Satz damals nicht vorgesehen waren. Trotzem kennt man die und andere Namen heute noch. Wie das?

Ich glaube, dass sich viel zu wenige Autoren – und genauso Lektoren und Verlage – Gedanken machen, warum sie was wie handhaben. Wenn Verlage kursiv für Gedanken verlangen, dann liegt es nicht daran, dass es das Werk aufwertet, sondern daran, weil es Literatur für junge Leser ist und man schließlich dem König Kunde alles bieten muss, von dem man glaubt, er will es, egal ob sinnvoll oder nicht. Dass aber Verlage und Lektoren auch Mitverantwortung für die Pflege von Sprache und Literatur haben, daran wird schon lange nicht mehr gedacht. Heute ist es nämlich völlig egal, ob man Bücher oder Haarshampoo verkauft, Hauptsache, Umsatz und Marge stimmen. Kultur und Literatur spielt sich in einem kleinen, abgeschotteten Winkel ab. Wer das mit Gewinn und Umsatz so sieht, Autor, Lektor oder Verlag, braucht nicht mehr weiterzulesen, weil dieser Artikel für Leute gedacht ist, denen Literatur am Herzen legt und die sich fragen, was man wie am besten handhabt – vor allem für unsere Leser.

Auszeichnen heißt hervorheben. Bei belletristischen Texten gibt es nur zwei Möglichkeiten: Einen Text in ›Hochkommas setzen‹ oder etwas kursiv zu schreiben. Alles andere ist plump beziehungsweise ein No-Go: Fettschrift, in GROSSBUCHSTABEN Geschriebenes oder Unterstrichenes weist dich als unerfahrenen Autor aus.

Beide zur Verfügung stehenden Auszeichnungsarten sind vieldiskutiert. Es gibt nämlich keine definitven Regeln dazu. Also hast du drei Möglichkeiten: Du richtest dich nach Empfehlungen anderer, schaust, wie es andere Autoren handhaben oder denkst selbst ein wenig darüber nach.

Weil es zu diesem Thema wenig hilfreiche Literatur gibt, möchte ich mehr in die Tiefe gehen. Es ist nämlich ziemlich unangenehm, wenn du dich während des Schreibens immer wieder fragen musst, wie es denn gerade am besten wäre. Denn, wofür du dich auch entscheidest, so solltest du es dann durchziehen. Vielleicht ist es sogar ein bisschen eine Entscheidung fürs Leben, ob du dich mit dem Kursiven verheiratest oder nicht. Denn Scheidung ist schwer, vor allem für an einen Stil gewöhnte Leser.

Ich möchte dir gerne meine Geschichte dazu erzählen. In einem Artikel auf einer Website, wo man sich Mühe mit genauer Recherche zur deutschen Sprache gibt, las ich einen ellenlangen Artikel zum Thema. Was dort stand, leuchtete mir ein:

  1. Kursiv ist eine Textauszeichnung mit dem Zweck, etwas hervorzuheben. Man bremst automatisch und sieht genauer hin – der Textfluss stockt also. Es springt eine kursive Stelle tatsächlich ins Auge, vor allem bei Schriften wie Garamond.
  2. Kursiv ist schwerer zu lesen. Das stimmt, dachte ich, kursive Passagen sind mühsam.

Das fand ich völlig logisch und nachvollziehbar. Also stand für mich fest, in Zukunft kursiv nur zur Hervorhebung zu verwenden. Bei diversen Diskussionen habe ich genauso argumentiert. Und mir auf der Stelle erbitterte Autorengegnerinnen geschaffen. Warum? Weil sie leidenschaftlich gerne Gedanken eines Protagonisten in kursiv setzen. Argumente: Das machen Hohlbein und X und Y auch so. Hie und da: Das ist näher an der Figur. Und auch immer wieder: Die Leser mögen das. Dieses Argument finde ich speziell eigenartig, weil Leser in der Regel auf so etwas überhaupt nicht achten und auch keinen Vergleich haben. Die Leser mögen die Geschichte. Aber sicher nicht wegen des Kursiven – außer … aber das kommt später. Aber wenn es nur das Kursive wäre. In solchen Fällen wird aus den Gedanken durch die Kursivierung eine Vorstufe zum Dialog geschaffen, denn in einer Geschichte im Imperfekt werden diese kursiven inneren Dialoge – eigentlich Monologe – auch noch gerne im Präsens geschrieben. Das bedeutet, dass man auch gleich noch aus der Erzählblase herausgerissen wird, was immer dann passiert, wenn man so unmotiviert die Erzählzeit wechselt. Dass damit sehr wohl eine Regel verletzt wird, und zwar in der Erzählzeit zu bleiben, das scheint egal zu sein.

Zu der Sache mit den kursiven Gedanken stellte sich mir die Frage: wozu? Wenn ich sauber in der personalen oder Ich-Perspektive schreibe, gibt es doch keinen Grund, die Gedanken anders zu schreiben, als Sinneswahrnehmungen und Gefühle: Nicht kursiv und in der Erzählzeit. Ist eh alles dieselbe Figur. Irgendwann gab ich es auf zu diskutieren.

Monate später gönnte ich mir wieder einmal eine Young-Adult-Geschichte. Flapsig, brutal, doch gut geschrieben. Und mit kursiven Gedanken – ganz nach der aktuellen Mode. Ich gab mir einen Ruck und holte das Argument in mein Gedächtnis, damit wäre man als Leser näher an der Figur. Und tatsächlich, ich war wirklich einen Hauch näher an der Figur. Seltsam, hatten die fürs Kursive kämpfenden Damen etwa doch recht?

Also begab ich mich in die Facebookgruppe oben erwähnter Website und fragte nach. Man ging auf die Frage nicht einmal ein, sondern nach ein paar Tagen stand ein herausgeschnittener Schnipsel in einem Posting mit der erschöpfenden Erklärung: ›Das ist Unsinn‹. Sehr hilfreich. Manche Profis neigen leider dazu, den Kontakt zum normalen Fußvolk zu verlieren. Aber vielleicht ist es auch ganz gut, wenn man sich Antworten selbst erarbeiten muss.

Hier mein persönliches Ergebnis zum Thema.

Ich möchte einfach für mich zu einem Schluss kommen. Also habe ich mit einigen Lektoren telefoniert, recherchiert und führe das Ergebnis auf. Für mich bin ich mir jetzt klar.

  1. pro: Die kursive gedachte Rede im Präsens in Imperfekt-Texten wirkt auf den ersten Blick etwas näher an der Figur als die konjuntivische Form in der Erzählzeit.
  2. contra: Wie unterscheide ich Denk-Kursiv von Hervorhebungs-Kursiv? Geht nicht. Alle anderen Auszeichnung sind ja No-gos (fett, unterstrichen).
  3. contra: Kursiv liest sich einfach schlechter.
  4. contra: Die kursiven Gedanken reißen die Figur auseinander. Sie schmeckt, fühlt, riecht, tastet in der Vergangenheit, aber denken tut sie in der Gegenwart? Das war auch das Gefühl, mit dem ich mich schon immer bei dem Thema unwohl fühlte . Für mich ist es heute das K.-o.-Kriterium für Kursiv bei gedachter Rede. Abgesehen vom Verhältnis 4 contra : 1 pro.
  5. contra: Kursiv verleitet dazu, von einer kursiven Stelle zur nächsten zu hüpfen und den Text dazwischen flüchtiger zu lesen oder gar auszulassen.

Der Punkt Nummer 5 scheint der Nebensächlichste zu sein, aber ich ahne aus dieser Ecke eine ganz üble Gefahr. Konzentration und Aufmerksamkeit sind bei vielen Leuten heute ein Defizit und es gibt auch Diagnosen dazu. ADHS betrifft hauptsächlich junge Leute. Also gerade das Publikum, für das Gedanken kursiv gesetzt werden in den Genres Young Adult und Fantasy – ein Zufall? Liebe Autoren, Lektoren und Verlage, ihr seid euch schon im Klaren, was ihr damit tut, oder? Ihr unterstützt damit sprunghaftes Lesen – hüpfen von Kursiv zu Kursiv – einen Verwandten der Comics. Ihr unterstützt die Aufmerksamkeitsdefizit-Schwäche, anstatt den Leuten dabei zu helfen, gesund zu werden Und wofür? Für das Thema, das mir mittlerweile zum Hals raushängt: Geld. Also wichtig ist Umsatz, wie es den (jungen) Lesern damit geht, ist doch egal.

Mir persönlich sind einerseits die Menschen die mit ADHS zu kämpfen haben, andererseits Literatur und Kultur zu wichtig, um mich einfach unreflektiert auf das zu verlassen, was andere von anderen übernommen haben, nur weil das manche so tun. Deshalb ist es mir nicht zu dumm, immer wieder auf die Notwendigkeit hinzuweisen, sich mit Hintergründen zu beschäftigen, warum man etwas tut – nicht nur beim Schreiben! Argumente wie ›aber Verlage verlangen das‹ oder ›X und Y machen das auch so‹ sind kein Argument und ein Armutszeugnis für das eigenständige Denken. Sind wir Lemminge oder selbstdenkende Wesen?

Der Schluss daraus für mich: Ich werde kein Kursiv für Gedanken verwenden, selbst dann nicht, wenn ich mal ins Jungleutegenre ginge (ich mag Young Adult). Lieber nehme ich mir ein wenig mehr Zeit bei solchen Passagen und gleiche die etwas (!) geringere Nähe durch bessere Schreibe aus – 4 : 1 ist für mich ein eindeutiges Signal, was passender ist.

Ausständig ist noch die Antwort auf die Frage: Wann kursiv und wann einfache Anführungszeichen? Auf erwähnter Seite heißt es, kursiv wäre die schwächere Auszeichnung. Diese Meinung teile ich nicht. Nach meiner Erfahrung ist es eine Frage des Gespürs.
Ich verwende Kursiv meistens dann, wenn ich etwas betone, vor allem im Dialog. Und für Titel von Songs oder Büchern. Einfache Anführungszeichen selten für spezielle Hinweise und Bezugnahmen. Bei belletristischem Text verwende ich einfache Anführungszeichen kaum, bei Sachtexten öfters.

Ach ja, bevor ich es vergesse: das Kursivschreiben von ungewohnten Namen. Sieht man immer wieder, dass jemand ins Le Belle Epoque essen ging und bei Le Figaro die Koteletten stutzen ließ. Aber niemand schreibt, ich war mit Annabelle aus und Josefine kam später nach. Also Namen einfach ganz normal, es gibt einfach keinen Grund für das Kursive.

Auch so eine Sache sind Begriffe in einer fremden Sprache. Das würde ich so halten, wie den Blick in die Vergangenheit im Zusammenhang mit dem Plusquamperfekt: Zwei, drei Mal einschleichen und gut. Selbst bei vielen fremdsprachigen Wörtern, denn so ein Fleckerlteppich als Text ist einfach nicht angenehm zu lesen und verleitet wieder zum Springen.

Schließlich gibt es noch ein Anwendungsgebiet, bei dem sich Ungeübte mit einfachen Anführungszeichen gerne austoben: die Ironie: Na, Peter, das ist aber ein ›ganz kleines‹ Bier! Passt gar nicht. In solchen Fällen solltest du dir bitte unbedingt eine erzählerische Lösung einfallen lassen. Vielleicht so etwas: Na, Peter, das ist aber ein ganz kleines Bier!«, wobei er ›ganz kleines‹ in einem nervenden Singsang in die Länge zog.

Für die einfachen Anführungszeichen gibt es zu guter Letzt noch einen Anwendungsbereich, und zwar Dialoge in Dialogen. Dazu mehr in dem Artikel Dialoge sind Sub-Perspektiven.

Und zu guter Letzt noch die doppelten Anführungszeichen. Die bitte ausschließlich für Dialoge! Nicht für Zitate, nicht für fremdländische Namen, nicht für Ironie, nicht für irgendwelche Betonungen, nicht!

Wenn du dir bezüglich der Auszeichnungen deinen persönlichen Stil ein für alle Mal zurechtlegst, kommst du nicht jedes Mal während des Schreibens ins Grübeln. Das kann nämlich recht ätzend sein, dich ungeduldig machen, worunter wiederum die Geschichte leidet.

Es würde mich freuen, wenn dieser Artikel den einen oder anderen dazu anregte, sein literarisches Handeln manchmal zu hinterfragen, wenn es zum Beispiel keine Regeln gibt und dass es nicht dazu kommt, dass sich Literatur den Comics angleicht.

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