Vom Umgang mit Testlesern

Testleser sind eine unglaublich wichtige Ressource, je qualifizierter sie sind, umso wertvoller. Speziell Schreibeinsteiger missverstehen aber ›Textkritik‹ gerne völlig. Deshalb hier ein paar Zeilen zum Thema.

Testleser sind Leser. Sie lesen unsere Geschichte. Im Unterschied zum normalen Leser bekommen wir von ihnen aber Feedback.

Normale Leser sehen in der Regel – außer das Buch wird ihnen empfohlen – irgendwo unser Cover, lesen den Klappentext und – kaufen. Wenn es so weit kommt, dann haben wir schon mal etwas nicht ganz verkehrt gemacht. Dass es dazu kommt braucht es ein gutes Cover und einen tollen Klappentext. Aber darum geht es hier nicht, sondern um das, was dem Leser dann widerfährt. Davon hängt ab, ob die ganze Mühe für das Marketing, zu dem Cover und Klappentext gehören, überhaupt sinnvoll war. Das war sie dann nämlich nicht, wenn der Leser, der vielleicht nicht in die Leseprobe geschaut hat, das Buch enttäuscht beiseite legt. Und sicher nicht weiterempfiehlt. So weit so gut, Geschmäcker sind natürlich verschieden. Aber selbst bei einem anderen Geschmack sollte das nicht passieren, wenn ein Buch homogen ist, also Cover, Klappe und Inhalt zusammenpassen.

Im Gegensatz zu anonymen Lesern sagen uns Testleser, was ihnen auffällt. Und zwar meistens, was ihnen unangenehm auffällt. Verwirrung, Langatmigkeit, zu viele Adjektive, kommt nicht in die Geschichte, ist phasenweise gelangweilt und und und.

Was nun Neueinsteigern ins Autorenleben nahezu immer passiert, ist, dass sie erklären, warum sie es so geschrieben haben oder dass doch das oder das dort schon so oder so erklärt worden wäre. Jetzt mal eine Frage: wie erklärst du das denn einem anonymen Leser …? Eben, geht gar nicht. Von denen erfährst du nämlich nicht einmal, dass sie ab Seite 75 nicht mehr weitergelesen haben. Außer im schlimmsten Fall in einer schlechten Rezension.

Damit sind wir auch schon am Punkt: Es gibt Testlesern gegenüber – übrigens auch Lektoren – grundsätzlich nie etwas zu erklären! Diese freundlichen Leute sagen dir nämlich nur das, was sie beim Lesen empfinden. Klar können sie etwas überlesen haben und deine Erklärung würde Licht ins Dunkel bringen. Aber darum geht es nicht. Sondern das Feedback lautet: »So ist mein Leseerlebnis gewesen«. Wenn also der Leser etwas missverstanden hat, dann kannst du davon ausgehen, dass du es eindrücklicher hättest erklären müssen. Solltest du dasselbe Feedback sogar von mehr als einem Leser erhalten, dann ist großer Handlungsbedarf angesagt. Aber selbst wenn nur einer etwas anmerkt: nimm es ernst. Denn dieser eine ist setllvertretend für vielleicht hundert andere Leser, dennen es gleich geht.

Wie geht man also mit Testlesern um?

Zuerst einmal legst du dir, bevor du dir das Feedback einverleibst, eine dicke Haut zu (aber bitte beachten: Elefanten stehen unter Naturschutz!). Denn egal, wie nett der Testleser feedbackt, es wird dich immer treffen. Außer du bist Masochist und stehst darauf, wenn dein Baby Haue bekommt. Dann umso besser :-)

Und dann, wenn du unter jeder Anmerkung zusammenzuckst,  gibt es nur eine einzige Frage: Wie kann ich verhindern, dass dieser (negative) Eindruck beim Leser entsteht?

Diskutiere nie mit Testlesern, und wenn, dann nur im Sinne des Hinterfragens, wie sie es sich eventuell anders wünschen würden, damit die Geschichte für sie flüssiger, packender, verständlicher ist.

Wenn wir sonst durchaus Selbstbewusstsein leben dürfen und sollen, im Umgang mit Testlesern geht es nur darum, zu erfahren, wie die Geschichte angekommen ist und gegebenenfalls warum nicht so gut. Die schlechte Nachricht ist, dass es leider auch Testleser und Lektoren gibt, die einem ihren eigenen Stil aufs Auge drücken wollen. Solche Fälle sind schwer auszuhalten, ich selbst nehme davon Abstand. Und trotzdem kann sogar von so jemandem die eine oder andere hilfreiche Anregung kommen. Es kann sogar so eine Kritik hilfreicher sein als wenige Anmerkungen.

Trotz allem liegt es an dir, inwieweit du die Textkritik beherzigst. Es ist deine Entscheidung, ob du sie schnaubend abtust oder dich damit auseinandersetzt. Und es hängt auch viel von deiner Persönlichkeit ab. Wenn du zum Perfektionismus neigst, warum auch immer, dann sei toleranter mit dir selbst, als wenn du ohnehin sehr überzeugt bist von dem, was du tust.

In diesem Sinne wünsche ich dir als Autor eine größtmögliche Ausbeute von deinen Testlesern, auch wenn es manchmal heißt, die Zähne zusammenzubeißen. Und ich wünsche dir empathische Testleser, die die Gabe haben, ihre Kritik auf freundliche Weise rüberzubringen.

Auch hier kann man übrigens diese, etwas abgewandelte, Weisheit anwenden: Ändere, was du für ändernswert hältst, lass bestehen, wozu du stehen kannst und hab eine gute Wahrnehmung, das eine vom anderen zu unterscheiden.

(Bildnachweis: makunin, pixabay)

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