Zeitendilemma

»Er stand unter einer Zypresse und wünschte sich, dass sie eine ausladende Korkeiche wäre. Denn mittags war der Schatten immer am kleinsten.« Seltsam. War der Schatten nur damals zu Mittag am kleinsten oder ist er das nicht heute auch noch?

In dieser Situation kommt man als Autor schon ganz schön in die Bredouille. Soll man in der Erzählzeit Imperfekt bleiben, auch wenn etwas sicher auch jetzt, in der Gegenwart, noch so ist? Sollte es beim konkreten Beispiel nicht heißen: »Er stand unter einer Zypresse und wünschte sich, dass sie eine ausladende Korkeiche wäre. Denn mittags ist der Schatten immer am kleinsten.«?

Die wirklich Bredouille kommt aber erst dann zutage, sobald man dahinterkommt, dass es dafür keine Regel gibt. Duden & Co bleiben dazu stumm. Der Grund liegt allerdings auf der Hand, denn es ist weder ein rechtschreibliches noch ein grammatisches Thema.

Also was tun?

Ganz einfach: den Hausverstand nutzen. Und dabei den Fokus zu hundert Prozent auf de Leser richten. Denn der ist der einzig für uns Wichtige, nicht nur bei der Beantwortung dieser Frage.

Vor Jahren habe ich zum Thema einen Artikel im Netz gelesen (BellesLettres), wo die Lösung zwar etwas langatmig, aber schlüssig erklärt wurde. Es geht um die Erzählzeit. Das Problem stellt sich ja nur dann, wenn man nicht im Präsens erzählt. Versetzen wir uns in die Leserin. Sie hat die ersten Zeilen unseres Buches gelesen, sie haben ihr gefallen und nun hat sie sich in der Geschichte festgefressen. Soll so sein, nicht? Sie leidet und liebt also mit unseren Figuren mit und ist, wie man so sagt, voll in der Geschichte. Zu der Geschichte gehören unsere Figuren, die Schauplätze und alle wichtigen Attribute wie Bücher, Autos und Pferde. Alles zusammen ist wie eine eigene Welt, in die unsere Leserin abdriftet, und diese Welt spielt – in der Vergangenheit.

»… ›Nie wieder werde ich dich verlassen‹, sagte Jonathan und küsste Joanne und ab da lebten sie glücklich bis ans Ende ihrer Zeit. *ENDE*« Seufzend lässt die Leserin das Buch auf ihre Knie sinken und wischt sich mit dem Handrücken ein wenig Feuchtes von der Backe. Und findet ganz langsam wieder in die Wirklichkeit – ins Jetzt und Hier.

Um diese Geschichtenblase zu erreichen, die das Leserherz in unsere Welt treiben lässt, haben wir uns eine Menge überlegt und gelernt. Wir wissen, dass Adjektive zweimal zu beäugen sind, genauso wie Füllwörter, wissen, dass wir die Leserin nicht mit Fakten beschmeißen, sondern sie miterleben lassen sollen. Und wir haben um die Blase als Hülle eine bestimmte Zeit gespannt, die alles zusammenhält. Wir haben uns also wahrlich angestrengt, diese unsere Welt für unsere Leser zu bauen. Und dann, plötzlich mitten drin, behaupten wir, dass etwas so oder so ist. Nicht war. Ja wie jetzt? Sind wir in der Geschichte oder hier? Auch wenn das, wie einige andere Schreibsünden, zu einem Teil im Unterbewusstsein des Lesers abläuft, passiert in diesem Fall der Riss der Blase trotzdem. Wir haben ein Loch in die Hülle der Vergangenheit gerissen, durch die der Leser ins Jetzt blickt. Und fröstelt.

Das Hirn des Schriftstellers, der alles im Verstand gergelt bekommen muss – ein mitteleuropäisches, weit verbreitetes Problem – läuft heiß. Verdammt, verdammt, der Schatten ist aber auch jetzt … zu Mittag! Klein. Einfach Quatsch, lieber Autor, der du so denkst und den Verstand vor deine Geschichte stellst. Abgesehen davon ist das ›war‹ ja gar nicht falsch. Denn es bedeutet ja nicht, dass es heute nicht mehr ist. Es sagt nur, dass es damals so war.

Dein Job ist es nicht, zu viel zu denken, sondern Welten zu bauen, in die sich deine Leser entführen lassen können, wo sie sich wohl fühlen und mal den Alltag Alltag sein lassen dürfen. Das ist wichtiger, als eine übersehene Erbse. Zumal sie, wie wir eben gesehen haben, ja sogar jeden Grund hat, nicht gezählt zu werden.

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