Warum wehren sich alle gegen Wunder?

Ich finde nicht, dass dieser Artikel off topic ist im Schreibblog. Außerdem ist Weihnachten. Vorgestern habe ich eine Geschichte fertiggelesen, die wunderbar geschrieben ist (Flamingos im Schneee von Wendi Wunder (der (echte) Name ist jetzt Programm)), aber wieder einmal, wie praktisch immer, tragisch endet. Warum, zur Hölle, muss das so sein?

Ich finde, Weihnachten ist ein guter Zeitpunkt, sich mal ein paar Gedanken über den üblichen Schreibtellerrrand hinaus zu machen. Ist es dir auch schon aufgefallen, dass beinahe alle Geschichten, bei denen ein Protagonist schwer krank ist, tödlich enden – also für den Kranken? Ich kenne eine einzige, wo das nicht der Fall ist. Das finde ich schade, aber noch viel mehr seltsam.

Für mich ist es ein Zeichen dafür, dass wir uns damit abgefunden haben, dass es offenbar keine Wunder geben darf. Oder kann, was auf dasselbe hinauskommt.Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass Geschichten wasserdicht recherchiert sein müssen? Dafür greift man auf meinetwegen Krebsstatistiken zurück, denen man entnehmen kann, dass man sich mit dem Tod eben halt mal abfinden muss. In der Folge wird bestenfalls Lebensweisheit oder des Todes gute Bewältigung über denselben drapiert, aber das war’s auch schon. Es wird gezeigt, wie man ›erwachsen‹ mit dem Thema umgeht, aufgeklärt. Als rationaler Jetztmensch. Als ein Mensch, der fest im Leben steht – wie widersinnig – und weiß, was Sache ist.

Seltsamerweise braucht man aber nur die Augen aufzumachen und sich etwas weniger voreingenommen durch das Leben zu bewegen, inklusive das virtuelle, und man stößt ständig auf unglaubliche Ereignisse. Vor einigen Jahren war ich zum Beispiel in Brasilien bei der Casa von João de Deus, dem Mann, der wohl die meisten Wunderheilungen weltweit verzeichnen kann. Abgesehen davon, dass ich dort selbst Denkwürdiges sehen konnte, beeindruckte mich ein Raum von vielleicht fünfzehn Quadratmetern, der beinahe bis zur Decke vollgestopft war mit nicht mehr benötigten Rollstühlen und Gehhilfen, die von Geheilten dort zurückgelassen worden waren. Ein Raum voll mit Wunderabfall.

Geben tut es die Wunder also nachweiselich. Wieso scheuen sich aber Autoren, sie auch immer wieder in ihre Geschichten einzubauen? Ich meine aber jetzt keine Fantasy oder Science Fiction, wo es natürlich von Wundersamem wimmelt. Wieso haben unglaublich viele Bücher zwar ein Happy End, wenn es um die berüchtigten Bauchschmetterlinge, aber nicht, wenn es um Gesundheit geht? Wer hat es uns abgewöhnt, Wunder zu erlauben? Sind Wunder etwas, das zu unserer pragmatischen Denke nicht passt?

Was sind eigentlich sogenannte Wunder? Auf jeden Fall einmal ganz nahe Verwandte des Zufalls. Und was sind Zufälle? Wenn wir uns einerseits erlauben, etwas mehr zu Ende zu denken als sonst, und grob ein Auge auf die Entwicklung zum Beispiel der Quantenphysik werfen, dann werden wir schnell sehen, dass Zufälle nichts weniger sind als die Willkür, die wir ihnen unterstellen, sondern wir lediglich das als Zufall bezeichnen, von dem wir die Ursachen und Zusammenhänge nicht erkennen. Bei Wundern ist es nicht anders. Wunder sind keine Zufälle. Sondern sie sind sehr wohl möglich, denn sonst gäbe es nämlich gar keine.

Das Nichtglauben an Wunder – oder man sollte beser sagen, das Nichtwahrhabenwollen oder Zulassen ihrer – kommt mir unglaublich heidnisch vor. Oder stur. Oder unbeweglich. Jedenfalls mindestens gestrig. Eventuell liegt es daran, dass wir furchtbare Kontrollettis sind, wir uns aber für Wunder dem Unbekannten öffnen und dem angeblich nicht Möglichen die Ehre der Möglichkeit erweisen müssen, damit es sich zeigen kann. Das passt natürlich zum Kontrollierenmüssen so gar nicht dazu.

Um nun wieder die Kurve zum Schreiben zu bekommen: Was wäre, wenn wir versuchen würden, unsere innere Beschränkung auf diesem Gebiet aufzuweichen und Wunder auch auf dem Papier geschehen lassen, selbst dann, wenn wir sie nicht verstehen, um dadurch unseren Lesern dabei zu helfen, ihererseits ihre inneren Grenzen zu überschreiten? Denn – haben wir nicht neben unserem eigenen Bedürfnis, uns in unseren Geschichten die ersehnte Liebe, Abenteuer und Erfüllung zu gönnen, auch eine kleine Mission?

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern des Schreibblogs für die letzten Tage des Jahres 2017 so viel Ruhe, dass auch einmal die innere Stimme Gehör findet und für 2018 ein offenes Herz – warum nicht für das eine oder andere Wunder.

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