Darf ich das in meinem Buch schreiben?

Geschichtenschreiber sind heute leicht in einer üblen Zwickmühle. Leser fordern mitunter totale Genauigkeit aller Vorgänge mit bester Recherche, und wenn man das dann auch so macht, bekommt man vielleicht einen Anwalt auf den Hals geschickt, weil man alles genau beschrieben hat. Irgendwie kurios. Wie können wir uns aus diesem Dilemma heraushalten?

Künstlerische Freiheit kann man nicht mehr als Rechtfertigung anführen, um munter über alles zu schreiben. Wen es interessiert: es gab bereits 1971 die Mephisto-Entscheidung, in der die Grenze zwischen künstlerischer Freiheit und anderen Grundrechten – im konkreten Fall der Menschenwürde – gezogen wird. Früher war das alles locker, aber verstärkt seitdem man in den USA draufgekommen ist, dass Abmahnungen ein einträgliches Geschäft sind, schwappt diese Erkenntnis auch, wie meistens, über den großen Teich und verunsichert scharenweise Autoren. Einerseits ist es nachvollziehbar, dass jemand nicht erfreut ist, sich in irgendeinem Buch wiederzufinden, vor allem, wenn er nicht eben als Sympathieträger abschneidet. Früher war das möglich, heute ist es vielleicht ganz gut, dass diesbezüglich nicht alles zulässig ist. Andererseits ist es lächerlich, wenn man nicht einmal mehr öffentliche Gebäude auf einem Selfie im Hintergrund sehen darf, weil dann irgendwelche Urheberrechte verletzt würden. Unsere Welt spinnt schon ziemlich und die hinter beinahe allem steckende Angst, einerseits zu wenig zu bekommen und dann das Erhaltene zu verlieren, treibt skurrile Blüten.

Aber so ist es halt nun einmal. Uns interessiert vielmehr, wie man als Autor in dieser absonderlichen Umgebung heil überleben kann.

Schauen wir uns zuerst einmal das mit der häufig geforderte wasserdichten Recherche an, mit der eigentlich das ganze Übel beginnt. Wann muss etwas hieb- und stichfest sein? Schließlich schreiben wir ja mit einem Roman Fiktion und kein Sachbuch. Also kann man doch alles einfach so drehen, wie man will, oder? So ganz funktioniert das leider nicht, außer man bewegt sich im Fantasy- und SciFi-Genre. Und selbst dort kann man sich nicht alles erlauben. Ich denke, der Maßstab ist ganz einfach die Nachvollziehbarkeit.

Sehen wir es so: hier bist du als Autor. Du hast in deinem Kopf Bilder. Dort ist der Leser, zu dem du sie transportieren möchtest. Meistens wird dein Bedürfnis sein, deine Bilder möglichst ähnlich bei deinem Leser ankommen und erstehen zu lassen, denn sonst macht ja Kommunikation generell wenig Sinn. Drei Beine und fünf Augen mag dabei noch angehen, weil wir wissen, was Beine und Augen sind. Aber wenn du eine Figur beschreibst, deren Brmpf wutscht, wird es einfach eng. Wir brauchen schlichtweg Gemeinsames, dass ihr – du und der Leser – gleichermaßen kennt. Aus dieser Ecke kommt ja auch das Show-don’t-tell-Ding: man ermöglicht dem Leser so, über bekannte Bilder etwas (nach)erleben zu können.

Es geht uns also bei Geschichten darum, dem Leser irgendetwas zu erzählen, vielleicht zu vermitteln. Um dieses Ziel zu erreichen, ist es notwendig, mit für euch beide bekannten Bildern zu arbeiten. Und nun kommen wir zur Recherche. Manche Leser sind misstrauisch, vielleicht gar nicht so wenige. Sie wollen Sicherheit, dir und deiner Geschichte vertrauen zu können. Sie werden also deine Bilder prüfen und erst dann, wenn sie ihrer Prüfung standgehalten haben, akzeptieren sie auch deine Geschichte. Tun sie es nicht, ist das vielleicht sogar ein Todesurteil für dein Buch. Konkret sieht das so aus: Eine Szene deines Romans handelt in einer Kneipe einer bestimmten Stadt, beide mit Namen benannt. Rechtlich übrigens kein Problem, solange du den Wirt nicht als ekligen Suffkopf beschreibst. Zufälligerweise kennt der Leser diese Kneipe. Du beschreibst das Lokal als einen quirligen Treffpunkt von Geschäftsleuten aus der Umgebung, die sich dort gerne nach Dienstschluss auf einen Drink treffen. In Wirklichkeit sitzen dort aber nach 17h nur ein paar Rentner trübsinnig vor ihrem Bier am Tresen. Mit diesem Fehler wird nicht nur die Szene, sondern gleich dein ganzes Buch unglaubwürdig – wer einmal lügt …

Wenn du also etwas Konkretes in deinem Roman beschreibst, dann soll, nein, muss das auch hieb- und stichfest recherchiert sein. Egal, ob es sich dabei um einen Ort, eventuell eine Figur, Gegenstand oder eine forensische Methode handelt.

Die Frage, die wirklich wichtige Frage ist: Muss es auch wirklich etwas konkret so Existierendes sein? Wenn du Krankheitssymptome verwenden musst oder die Zubereitung eines bestimmten Gerichts, dann müssen die auch deckungsgleich beschrieben sein, das ist klar. Aber was bezwecken wir mit unseren Geschichten? Geht es bei ihnen nicht vielmehr um den Transport von Bildern, Gefühlen; um Bedürfnisse? Geht es dabei nicht darum, Stimmungen zu beschreiben, den Leser mitweinen oder -lachen zu lassen? Also sollte die wirklich Frage lauten: Brauchst du dafür wirklich all die Details oder die Wirklichkeit, um derentwillen du dir gerade vielleicht den Kopf zerbrichst? Muss die Geschichte genau in dieser Stadt in dieser Kneipe spielen? Oder geht es nicht vielmehr um die quirlige Nacharbeitszeit-Atmosphäre und es ist völlig egal, wo das ist? Reicht es nicht, dass die Stadt irgendwo in Norddeutschland ist, ganz egal ob Hamburg, Bremen oder Rostock? Einfach in einer großen Stadt im Norden Deutschlands?

Dazu fällt mir eben noch etwas ein. In einem Roman wirken Fotos nie gut, aber Bleistift- oder Federzeichnungen können reizvoll sein. Das ist deshalb, weil Fotos sich mit dem fiktionalen Charakter von Romanen beißen, das passt nicht zusammen, denn es nimmt der Leserfantasie den Freiraum. Skizzen mit ihrem ebenfalls fiktionalen Charakter hingegen lassen genügend Spielraum für die persönliche, individuelle Vorstellung. Genauso geht es auch mit anderem allzu Konkreten. Wenn du berührende Geschichten liest oder hörst und daraufhin beobachtest, wirst du feststellen, dass selten viel über berufliche oder örtliche Details geschrieben wird. Vielmehr liegt immer das Augenmerk auf den Gefühlen, die erzeugt werden. Das wird durch Dialoge, Metaphern und Sinnesbeschreibungen erreicht. Sehr selten dadurch, wie genau man eine Zündkerze reinigt, wenn sie abgesoffen ist oder der Fotograf die Blende wählt, um eine eindrucksvolle Tiefenunschärfe zu erreichen. Bei Fiktion geht es um Bilder, die Gefühle bewirken, nicht um Fakten. Damit wird auch das Darf-Ich unwichtig, schlicht, weil es kaum nötig sein wird. Die Frau auf dem Beitragsbild hier, erhitzt von langem, rhythmischen Tanz, möchte ihr Tuch neu drapieren, muss dafür ihren Hut abnehmen, will ihn aber nicht auf den Boden legen und hat gerade niemanden zur Hand, der ihn halten könnte. Also hält sie ihn mit dem Mund fest. Ein kleines Bild, das eine ganze Geschichte erzählt. Ist es nicht völlig egal, wo das ist? Okay, ich verrate es trotzdem: die Festa do Sol in Cusco in Peru.

Aus meiner Schreibpraxis: Meiner Trilogie Nur sieben Worte spielt im ersten Teil in den Sechzigern in Deutschland. Es war mir zu mühsam, einen genauen Ort zu recherchieren, denn es ging darum, wie der Protagonist aus der starren Meinung, er gelte nur dann etwas, wenn er Großes leisten würde, zu der Erkenntnis gelangte, dass es nicht darum geht, was man ist, sondern wie man ist. Der eine wichtige Ort ist also irgendwo in der Mitte Deutschlands und hat auch keinen Namen. Denn das ist unwichtig. Der zweite Teil spielt – auch noch in den Sechzigern – streckenweise in Australien. Ich war aber noch nie in Australien und in den Sechzigern schon gar nicht. Allerdings bin ich sonst schon an so vielen Orten unserer Welt gewesen, um zu wissen, dass Menschen im Prinzip überall sehr ähnlich in ihren Bedürfnissen sind und das Meer überall salzig ist. Zwar habe ich ein wenig recherchiert, wie es in Queensland in den Sechzigern war, aber sicher nicht so viel, um die erfreuliche Frage gestellt zu bekommen: ›Das hast du aber cool geschrieben. Warst du echt damals in Australien? Klingt so authentisch.‹ Es geht um Bilder, um Gefühle, um Bedürfnisse. Und die sind immer ähnlich und brauchen keine technischen Details, um lebendig zu wirken.

So, viel geschrieben, aber ich glaube, das war notwendig, um klarzumachen, dass die eigentliche Frage ›darf ich das oder das‹ selten relevant ist. Denn ›das oder das‹ ist in Wirklichkeit meistens gar nicht notwendig. Wenn du dir allerdings Realität antun möchtest, kommst du nicht drum herum, zu fragen ob du das Schlafzimmer deines Chefs und dessen Frau mit dem zerwühlten Laken beschreiben, über Person Y erzählen oder den Songtext Z zitieren darfst. So ist es heute nun mal. Aber, wie gesagt, finde ich, fällt das bei erzählender Literatur schon fast unter ›Thema verfehlt‹.

Die alles entscheidende Frage ist also selten: ›Darf ich das‹, sondern vielmehr: ›Brauche ich das so wirklich für meine Geschichte?‹

In diesem Sinne, weil es gerade ansteht: Allen meinen Lesern des Schreibblogs wünsche ich total entspannte und fröhle Jahresresttage und für das kommende 2018 viele tolle Ideen, Inspiration und den daraus entstehenden Geschichten viel Erfolg!

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