Unterschiedlich, oder?

Jeder von uns ist anders als alle anderen, darin sind wir uns wohl einig. Wir lösen Probleme unterschiedlich, der eine neigt zu Schwermut, die andere zu Heiterkeit, wir haben unterschiedliche Fähigkeiten und lieben nicht alles das gleiche Essen. Was können wir aus dieser Tatsache für Schreiben schließen?

Damit wir uns mit dem Schreiben wohl fühlen und erfolgreich sind, sollten wir drei Sichtweisen getrennt betrachten.

  1. Die eine ist die des Lesers. Für uns ist die sehr wichtig, weil von ihr der Erfolg eines Buches abhängt. Wenn es uns nicht geligt, so zu schreiben, dass unsere Leser gefesselt sind, werden sie das Buch beiseite legen. Dieser Aspekt wird viel selten konkret beleuchtet, was schade ist, weil seine Beachtung Misserfolge und Leerläufe reduzieren kann. Aber ich denke, es ist ein Zeichen der Zeit, die ich ziemlich ichbezogen wahrnehme. Aber darum soll es diesmal nicht gehen.
  2. Auch um den zweiten Blickwinkel soll es nicht gehen: um das Handwerk. Obwohl … so ganz stimmt es nicht, es geht sogar mehr darum, als man im ersten Moment annehmen sollte.
  3. Nein, es geht um den Faktor, der bereits im Titel des Artikels erwähnt ist: die Individualität. Doch Vorsicht! Damit ist keineswegs gemeint, dass es egal ist, wie und was wir schreiben. Denn die Reuse zur Akzeptanz bleibt immer Punkt eins: der Leser. Ja, wie dann? Geht es nicht um den berühmten eigenen Stil? Nein, geht es nicht. Der eigene Stil wird völlig überschätzt. Und er ergibt sich im Laufe der Bücher, auch ohne dass man ständig darauf linst. Nein, es geht um etwas, von dem man – wieder einmal – in Ratgebern nichts liest. Es geht um die persönliche heangehensweise zur Entstehung und Umsetzung einre Geschichte. Und die ist nicht bei allen gleich!

Kurze Wiederholung: Über den ersten Punkt, die Autoren-Leser-Beziehung gibt es kaum Literatur. Über Punkt drei kenne ich keine Literatur, die dabei hilft, den persönlichen Zugang zu einer Geschichte und die individuelle Arbeitsweise zu finden. Lediglich Punkt zwei überschwemmt den Markt mit tausenden an Ratgebern, in denen fast immer das gleiche steht: man muss showen anstatt zu tellen, darf nur wenige Adjektive verwenden, muss plotten, um nicht steckenzubleiben, soll mit Rückblenden vorsichtig sein und und und. Das ist an sich schon okay. Vor allem in unserer Gesellschaft, in der man aus mangelnder Zeit, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen, lieber eine Ansicht übernimmt. Anstatt sich ans Selbstdenken zu machen. Das geht auch so lange gut, so weit es Regeln gibt. Aber auch das ist eine andere Geschichte.

Was hat es jetzt endlich mit dem Individuellen auf sich? Heute Morgen kam mir der Gedanke, dass es doch immer wieder Diskussionen darüber gibt, ob man zum Beispiel eine Geschichte ploten soll oder ob man auch aus dem Bauch heraus schreiben kann. Ob man Figuren akribisch in einem Figurenblatt entwickeln oder sie sich im Lauf der Geschichte entwickeln lassen soll. Ob man bis auf Szenenebene hinunter planen oder der Fantasie freien Lauf lassen soll.

Genau das ist aber von der Persönlichkeit des Autors abhängig. Ja, nicht nur von der, sondern mitunter sogar von der Tages- oder saisonalen Verfassung oder der zu schreibenden Geschichte. Durch Patchwork habe ich engeren Kontakt mit Hunderten Autoren und sehe daher häufig, wie sie mit ihren Geschichten umgehen. Es gibt akribische Plotter bis ins kleine Detail und Pantser (Bauchschreiber), denen ihre Geschichte während des Schreibens zufliegt. Ich selbst habe sowohl als auch praktiziert, wobei ich das Plotten trotzdem nicht bis in die Szene hinunter durchziehe. Lachsspringen zum Beispiel ist aus dem Bauch heraus geschrieben. Ebenso Nur sieben Worte. Bei beiden war eine Idee vorhanden, ein vages Bild, oder besser: eine Stimmung, die danach verlangte, in Form – also in Buch – gebracht zu werden. Airport Madrid und Nano hingegen habe ich geplottet; aber, wie gesagt, auch nicht detaillierter als den Plot auf Kapitlebene.

Ratgeber gehen auf diesen individuellen Zugang normalerweise nicht ein. Sondern ‘man plottet’, ‘man muss Figuren entwickeln’ und ‘man verwende wenig Adjektive’. Das erinnert mich sehr an die unzähligen Lebensratgeber, wo jeder seine Methode als die Methode schlechthin anpreist. Warum sagt niemand: Mir hat diese Methode geholfen, prüfe dich zuerst einmal, ob wir beide Ähnlichkeiten haben, wodurch sie auch bei dir funktionieren könnte.

Nun möchte ich auf den Punkt kommen, warum ich diesen Artikel verfasst habe. Bevor du dich als frische Autorin nach Ratgebern richtest, wirf einen Blick auf dich selbst. Wie bist du? Vielleicht hefen dir dabei diese Fragen:

  • Liebst du es, Dinge in kleinen Döschen und Schächtelchen zu sortieren oder herrscht auf deinem Schreibtisch eher kreatives Chaos?
  • Wenn du ein Bild malst (wenn), skizzierst du es lieber detailliert und gehst dann mit Farbe ans Werk oder ziehst du es vor, drauflos zu malen?
  • Wenn du auf Urlaub fährst, ist dir vorherige Planung wichtig oder buchst du nur den Flug und schaust, was dir begegnet?
  • Liebst du Überraschungen oder kannst du sie nicht ausstehen?
  • Ist dir Sicherheit wichtig oder bist du der spontane Abenteurertyp?

Jetzt aber bitte nicht missverstehen!

Wenn du aufgrund dieser Fragen zu dem Schluss kommst, der genauen oder der spontanen Fraktion anzugehören, soll dich das nicht dazu verleiten, akribisch zu planen oder einfach drauflos zu schreiben! Die Punkte 1 und 2 von oben haben nämlich große Daseinsbrechtigung und wollen berücksichtigt werden. Dich selbst besser kennenzulernen soll dir nur dabei helfen, dich in deiner persönlichen Vorgehensweise anzunehmen. Du sollst nicht auf die Idee kommen, keine gute Autorin zu sein, nur weil du Figuren nicht bis ins Detail vorplanst. Vielmehr geht es um eine Synthese der hergebrachten handwerklichen Empfehlungen (2), deiner persönlichen Umsetzungsweise in eine Geschichte (3) und darum, den Leser dabei immer im Auge zu behalten (1). Also alle drei Punkte und nicht nur, wie üblich, einen.

Wie kann das in der Praxis aussehen?

Du bist eher der Typ, der Sicherheit und Struktur braucht.
Hier liegt die Gefahr darin, dass du im Extremfall vor lauter Planung nie zu einem Ende kommst. Wenn du Patchwork verwendest, wird auch diese Methode der Detailplanung gut unterstützt. Du kannst mit Timelines und Clips arbeiten, Kontextverknüpfungen setzen, Figureneigenschaften und -ereignisse mit Textstellen verbinden und natürlich im Figurenblatt deine Figuren detailliert entwickeln, die Geschichte plotten und deine Szenen mit dem Szenencheck prüfen. Ganz zu schweigen von Wortwiederholungen und Stilprüfung, die dir jedes Füllwort und Adjektiv und mehr hervorhebt und dich mahnt, keine zu langen Sätze zu schreiben. Du siehst, es gibt eine Menge an doppelten Böden, mithilfe derer du Sicherhei schaffen kannst. Nur: Das alles bietet keine Garantie, dass die Geschichte gut wird. Je stärker du dich diesem Typ zugehörig fühlst, desto mehr lautet meine Empfehlung, dich zu trauen, etwas Ungewohntes zu tun. Stell einen ersten Teil bei einem Schreibforum ein, suche Testleser und hol dir Feedback oder veröffentliche Kuerzgeschichten oder ein erstes Buch.

Du bist eher die kreative Chaotin, die schon alles im Kopf hat und das muss raus. Schnell.
In diesem Fall kann es dir passieren, dass du mangels Planung stecken bleibst. Auch wenn es nicht gleich zu Beginn möglich ist, weil der Druck der Geschichte zu groß ist, denk trotzdem so bald wie möglich über einen Plot nach. Und sei es nur, um zu prüfen, ob du die dramaturgischen Voraussetzungen erfüllst. Viele Autoren dieser Gruppe haben ein Gefühl dafür, was stimmig ist. Dieses Gefühl kann aber auch dabei hinderlich sein, sich in den Leser zu versetzen, wenn man ihm zu viel Vorrang gibt.

So oder so würde es mich freuen, wenn dir diese Zeilen vielleicht die eine oder andere Anregung geben können.

Und nun: Wer bist du? Und: Go on writing!

 

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