Das Adjektiv-Missverständnis

Immer wieder ein Thema: Das Adjektiv-Missverständnis.
Es gibt Ratgeber, die Adjektive verdammen und es gibt Deutschlehrer, die Adjektive lieben. Was jetzt?

Wie man aus dem echten Leben weiß, ist schwarz oder weiß ohne den Grautönen dazwischen selten eine gute Lösung.

Wie immer wieder an anderen Schreibtatorten auch hier: Ausschlaggebend sollte an erster Stelle das Sprachgefühl sein. Das aber muss vor dem Verwendenkönnen erlernt und dann ständig verfeinert werden. Vage ›gefällt‹ oder ›missfällt‹ Lesern üblicherweise ein Buch, aber sie können nur selten sagen, weshalb. Mit dem sogenannten Schreibhandwerk lernt man dieses Warum. Soweit allgemein.

Was heißt das bezüglich der Adjektive?

Adjektive sind Bilder in Kürzestform, sozusagen stenografiert (wenn noch wer weiß, was das ist). Ein einziges Wort ist Platzhalter für ein ganzes Bild. Wahrscheinlich wurde einem deshalb der Nutzen von Adjektiven im Deutschunterricht ans Herz gelegt. Unter ›Bild‹ verstehe ich keine (Landschafts-)Beschreibung, sonder eine Geschichte ist nichts anderes als einer Abfolge einer großen Menge an Bildern. Kann man gut mit einem Film vergleichen. Also ist alles, auch die kleinste Kleinigkeit ein Bild!

Drei bedenkenswerte Aspekte fallen mir dazu ein:

1. Je knapper ein Bild formuliert ist, desto weniger Zeit hat es im Lesergemüt, sich zu entwickeln. So, wie ein Rotwein zuerst mal atmen sollte, bevor man ihn schluckt … nein, im Mund wahrnimmt! Adjektive verleiten zum Schlucken. Macht man das schnell hintereinander, ist man zwar auch besoffen, aber von der Reise dorthin hat man wenig mitbekommen. Ein Aspekt ist also: Zeichnet man anstelle des einwortigen Adjektivs das gleiche Bild mit mehreren Worten, hat der Leser mehr Zeit, es in sich erstehen zu lassen.

2. Rechts im Bild: Ein einziges Adjektiv und vier völlig unterschiedliche Bilder dazu: ›strahlend‹. Jeder Mensch hat einen Begriff, also ein Wort, mit einem bestimmten Bild verknüpft. Und das nicht lebenslang, sondern meist verändert sich diese Verknüpfung ständig. Dass man also mit einem einzigen Adjektiv zur Beschreibung eines Bildes ein ganz anderes Bild erzeugt als man bezweckt, ist recht wahr scheinlich.

3. Je knapper eine Beschreibung ist, desto exakt treffender sollte sie auch sein, damit sie nicht am Bild vorbei zielt. Diese Beobachtung mache ich bei Neueinsteigern ins Schreiben öfters: Bild und Situation passen nicht zusammen. Dieses Nicht-deckungsgleich-Sein bewirkt beim Leser ein unbehagliches Gefühl. Das Vorbeizielen passiert bei einem einzigen Wort vom Typ Adjektiv viel leichter, als bei einem Bild in ein paar Worten

Aus all dem hat sich irgendwann einmal der Schreibrat entwickelt: Show, don’t tell!

Sollte man also Adjektive generell vermeiden? Auf keinen Fall! So, wie trotz raffiniertester Gewürzwahl Salz seine Berechtigung hat, so hat sie auch das Adjektiv. Damit landen wir wieder bei dem eingangs erwähnten Sprachgefühl. Bei dem geht es meiner Meinung nach bei jedem Adjektiv um zwei Überlegungen: Trifft es das Bild wirklich ganz genau? Und: passt es in den aktuellen Fluss? Auch der kann nämlich eine Rolle spielen, der Fluss. Zum Beispiel bei einer stromgeladenen Thrillerhandlung wird das ›show‹ durch sein Auseinanderziehen von Bildern die Handlung kontraproduktiv ausbremsen. Deshalb macht es in schnellen Szenen durchaus Sinn, auf kurze Adjektive auszuweichen. Um so wichtiger ist es in diesen Situationen, sich die Frage zu stellen, ob das Bild damit auch wirklich getroffen wird.

Viel Erfolg bei der Wahl, ob Adjektiv oder nicht, und wenn, ob es der gewünscht Blattschuss ist.

Ein Kommentar zu “Das Adjektiv-Missverständnis

  1. chiarachiara

    Lieber Martin, da warst du aber zügig bei der Sache. :-) Und ja, das hört sich auch gut und verständlich an. Äh, das sind ja Adjektive…aber was soll’s. Das mit der richtigen Dosierung habe ich mittlerweile verstanden und versuche es auch anzuwenden. Mir geht es nur darum, das Adjektiv nicht krampfhaft zu vermeiden oder komplett zu verteufeln. Und man sollte auch nicht alle Adjektive gleichsetzen. Ich denke, es gibt beliebige, triviale wie „schön, sonnig, warm“ etc und andere, die klangvoller und damit m.E. stärker sind und die ich daher, sofern sie passen, gerne weiter verwende (z.B„flirrend, grell, gleißend) Sie stehen ja auch in aller Regel nicht alleine, sondern werden von Substantiven begleitet, die man mindestens genauso sorgsam überprüfen sollte. Eine reine Ansammlung an Substantiven kann mitunter genauso unbekömmlich sein und schwer im Magen liegen wie Haufen von Adjektiven. Wenn man schreibt, fließt es ja manchmal auch einfach so aus einem heraus. Wörter dann mühsam runterzuschlucken, die einfach da sind und rauswollen, kann auch hinderlich sein. Ich denke, bei jedem ist das Sprachempfinden auch wieder etwas anders. Bei Autoren wie auch Lesern. Alles bis ins kleinste Detail zu beschreiben, liegt nicht jedem. Passt auch nicht immer, wie du ja auch schreibst, Ganz ähnlich verhält es sich meines Erachtens bei Dialogen. Der eine liebt sie und schreibt gleich seitenweise davon. (Mag ich persönlich überhaupt nicht) Der andere streut sie nur vereinzelt ein. Wie mit allem, jeder muss seinen Weg finden und sich damit wohl fühlen. Das Adjektiv überall dort zu „erschießen“, wo man es findet, muss man jedenfalls nicht unbedingt…Aber vielen Dank für deinen guten und ausführlichen Beitrag! Ich bin gespannt, wie die Meinungen so sind.

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