Schreiben – jenseits der Ratgeber

Viele besorgen sich erst einmal eine Menge Schreibratgeber, wenn sie das Bedürfnis spüren, schreiben, oder ›gleich richtig‹ ein Buch schreiben zu wollen. Das Ergebnis ist oft nicht die Erleuchtung, wie man das umsetzt, sondern großer Frust.Braucht man das alles oder handelt es sich nur um ein einträgliches Geschäftsfeld?Nicht nur, dass einem gesagt wird, wie unglaublich viele Dinge man beachten soll, trifft man mitunter sogar auf konträre Aussagen. Die wohl häufigste kommt aus den Fundamentalistenecken der Planer und Bauchschreiber. Die einen behaupten, es käme nur bei guter Planung auch eine gute Geschichte heraus, die anderen verkünden, dass Planung Quatsch wäre, der die Kreativität stutzt. Ähnlich geht es mit Adjektivverfechtern und -gegnern. Erstere sind Deutschlehrer – je mehr, desto besser – letztere die meisten Schreibratgeber. Sollten nicht alle irgendwie am gleichen Strang ziehen …? Und schon steht man kopfkratzend bis verzweifelt da und weiß nicht, was man denn nun wirklich tun soll. Je mehr jemand zum Perfektionismus neigt, desto qualvoller ist der so entstandene Zustand. Um ihm noch die Krone aufzusetzen, hört man rundherum, man könne schreiben ›lernen‹. Also noch zehn Schreibratgeber? Aber welche sind die richtigen? Oder noch mehr auswendig lernen?

Diese ganzen Ratgebereien sind lediglich symptomatische Versuche, etwas nicht wirklich mit dem Verstand Greifbares in Regeln zu quetschen.

Meine Ansicht dazu: Was wäre, wenn man sich einfach einmal mit dem beschäftigt, worum es in Wirklichkeit geht? Geht es wahrhaftig um Füllwörter, Plots und show don’t tell? Oder dreht sich alles um ganz etwas anderes und wir verlieren uns in Symptomen?

Es ist zwar nicht üblich – leider und ich verstehe auch nicht, warum – zu hinterfragen und zu Ende zu denken. Dingen auf den Grund zu gehen. Wenn man von der Quelle ausgeht, tut man sich in allen Belangen viel leichter, den Überblick, die Sicherheit zu haben, die man sich insgeheim wünscht. Allerdings birgt diese Vorgehensweise eine Gefahr: alles wird einfach. Und damit verhält es sich gern so wie mit dem Geld: Was nichts kostet, ist nichts wert. Auf unser Thema bezogen: was nicht kompliziert ist, kann nicht das Richtige sein.

Aber zurück zum Schreiben jenseits der Schreibratgeber. Was bedeutet denn, eine Geschichte zu schreiben in der Wurzel?

Wir haben mehr oder weniger vage zuerst Gefühle, dann Bilder in uns, die sich zu Details und Abfolgen verdichten. Genau das wollen wir weitergeben. Zu einfach? Seufz, ich habe es befürchtet. Aber ich bin ja noch nicht fertig. Und doch ist genau das der Knackpunkt, um den sich alles dreht. Ich habe Bilder in mir, die bestimmte Gefühle auslösen (oder umgekehrt? Egal). Diese Gefühle und Bilder möchte ich auch beim Leser auslösen. Der Leser soll also möglichst das erleben, was ich sehe und erlebe.

Jetzt denken wir uns, dass wir das ja nur erzählen müssten. Im Prinzip ja. Aber.

Jeder Mensch ist ein Kosmos für sich.

Wir haben unterschiedliche Werte, haben eine andere Biografie und nehmen die Welt um uns unterschiedlich wahr. Von vielen Erlebnissen wissen wir um diese Unterschiedlichkeit und doch scheint sie beim Schreiben keine Rolle zu spielen. Nehmen wir ein paar Beispiele: die einen lieben, die anderen hassen Spinat, Spargel, Ingwer. Die einen leben eine linke, die anderen eine rechte Ideologie. Viele lieben Kinder, manche können sie nicht ausstehen. Die eine fühlte sich ohne ihre Katze nur halb, der andere hat eine Katzenhaarallergie. Den meisten geht bei einem Regenbogen das Herz auf, manchen nicht, denn sie nehmen ihn in ihrer Farbblindheit ganz anders wahr. Oder etwas extremer? Weißt du, wie ein Mensch mit Asperger Syndrom seine Umwelt wahrnimmt?Ja, das zählt aber nicht, denn es ist eine Entwicklungsstörung. Ist sie das? Dann empfehle ich jedem, sich mit dieser ›Störung‹ ein wenig zu beschäftigen. Wie bei allem gibt es hierbei nämlich nicht nur Schwarz und Weiß – also Asperger on oder off – sondern stufenlose Intensität. Wenn wir die Symptome lesen, dann schleicht sich sicher beim einen oder anderen ›Gesunden‹ der Verdacht ein, vielleicht auch ein wenig aspergerisch gestreift zu sein. Ich will damit keine Grundsatzdiskussion zum Gesundheitswesen vom Zaun brechen, sondern nur in Erinnerung rufen, dass unsere Welt voll ist von unterschiedlichsten Bedürfnissen und Wahrnehmungen. Wie soll es denn dann funktionieren, einfach über etwas zu schreiben und es kommt beim andern so an, wie ich es sehe und fühle?

Wo liegt also das wirkliche Problem?

Eben beim Transport meiner Bilder zu meinem Gegenüber, dem Leser. Wir unternehmen mit dem Schreiben den unglaublichen Versuch, unsere bunten, sogar meist vierdimensionalen Bilder in diese winzigen Hülsen namens ›Wort‹ zu pressen, stellen daraus Züge zusammen – die wir ›Satz‹, ›Absatz‹ oder ›Kapitel‹ nennen, schubsen sie digital oder auf Papier zum Leser, worauf die oder der nun das Umgekehrte tun soll: die Fracht von den Waggons nehmen und in sich möglichst die gleichen Bilder entstehen lassen, wie sie in uns waren.

Um genau diesen Prozess geht es beim Geschichtenerzählen und beim Schreiben. Das Hauptproblem dabei besteht im Deckungsgleichbringen der Bilder. Wie bringe ich meine Bilder möglichst unbeschadet zu dir? Dieser einzige Prozess ist Thema sämtlicher Schreibratgeber.

Schreibratgeber sind nicht generell sinnlos. Es ist lediglich wichtig, bei ihrem Genuss sich die eben erschlossene Tatsache im Hinterkopf zu behalten. Dann erkennen wir auf einmal, wo die kleinen Puzzleteilchen angesiedelt sind. Wir verstehen, warum show don’t tell wichtig ist: Bilder werden plastischer durch Zeigen anstatt Beschreiben. Zeigen ist Zerlegen in Einzelbilder – voilà. Füllwörter sind böse? Kann sein, denn sie neigen dazu, vom eigentlichen Bild abzulenken, es zu verwässern. Aber im Dialog gehören sie zum Typischen einer Sprechweise. Wenn wir die Aufgabe des Bildtransports immer lebendig im Hinterkopf behalten, erkennen wir, dass es auch hier kein Schwarz oder Weiß gibt, sondern sich alles um die Situation dreht. Das geht bei all den ›Regeln‹ so. Man muss plotten. Muss man? Wenn es die Art der Bilder erfordert, ja. Sonst nicht.

Nicht hilfreich wäre nun, zu denken: »Super, dann brauche ich den ganzen Ratgeberquatsch gar nicht, sondern kann einfach schreiben, wie ich mag.« Wenn das nun jemand denkt, dann hat er es nicht verstanden. Die Schreibratschläge sind lediglich Aufmerksammacher auf Prozesse im Rahmen des Großen und Ganzen dahinter: des Bildertransports. Sie helfen dabei, den möglichst reibungslos ablaufen zu lassen. Mehr nicht.

Hier vielleicht ein paar Worte, zum Thema ›Schreiben kann man lernen‹ und ›Talent‹. Auch dabei tun wir uns leichter, wenn wir nebenher auf das Eigentliche linsen. Um es besser verständlich zu machen: Kann ein Autist lernen, keiner zu sein? Ärzte werden definitiv dazu Nein sagen. Jeder von uns ist sein eigener, zarter Autist. Manche von uns sind ähnlich, dann funktioniert Kommunikation recht gut. Manche von uns sind so anders, dass wir uns einfach nicht verstehen können. Das hat nichts mit gut und böse oder richtig und falsch zu tun, sondern nur mit anders. Schreiben im Sinne fundamentaler Kommunikation kann man natürlich lernen, das tun wir ja in der Schule. Aber die Fähigkeit, Herzen zu berühren kann man sich nur in einem langen Prozess des Lebens – nicht des Schreibenlernens – zu eigen machen.

Wenn du also ein Buch schreiben möchtest, dann mach dir zuerst einmal Gedanken darüber, worin sich deine Bilder von denen deiner Zielgruppe unterscheiden und worin sie sich decken. Überlege dann, was bei dir das bewirkt, was du bei anderen bewirken möchtest. Dann kommst du ganz automatisch dahinter, an welchen Orten es Sinn macht, zu arbeiten, und bei welchen nicht. Mit anderen Worten: Versuche, das große Ganze zu sehen und leite davon dein Vorgehen ab. Zum Beispiel: Willst du einen Krimi schreiben? Dann wird Planung detaillierter nötig sein. Für einen Liebesroman genügt der grobe Spannungsbogen. Für eine Autobiografie oder Teile davon ist das Fenster deiner Geschichte wichtig, das du wählst.

Denke stets parallel zu allem daran, wie du am Wirkungsvollsten deine Bilder zum Leser bringst. Verwende Bilder in deinen Bildern. Finde das Große und Ganze und dann bewege es vor dir, betrachte es aus allen Richtungen und schätze ab, was daran für dein Gegenüber wichtig ist und auf welchem Weg du es am einfühlsamsten in das Herz deiner Leser pflanzt.

Das Große und Ganze.

 

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