»Und jetzt soll ich alles hinschmeißen?«

Du bist Selfpublisher. Deine Bücher verkaufen sich nicht. Du sitzt vor einer Flasche Rotwein und denkst »Soll ich jetzt echt drei Jahre Arbeit in die Tonne schieben?« – Eine kleine Geschichte über ein großes Missverständnis und um mittelgroße Hoffnung.

Der Frust ist enorm. Du hast jahrelang an deinem Lieblingsprojekt gearbeitet und gefeilt, Geld für Lektorat und Cover investiert, Leserunden beschickt, dich aus lauter Marketingverzweiflung in Facebookgruppen unbeliebt gemacht, um schließlich … fünf Taschenbücher und zehn eBooks zu … verschenken – an Rezensionsleser. Verkauft hast du genau drei eBooks.

Drei Jahre für die Tonne? So viel Arbeit und Herzblut? Ist das gerecht? Andere erhalten für triviale Tätigkeiten Geld und dein Projekt wird einfach … übersehen?

Es tut mir leid, dich in die Realität holen zu müssen. Rufe dir dafür bitte eine scheinbar unbedeutende Tatsache ins Bewusstsein: Es hat dir niemand einen Auftrag erteilt. Wie kommst du also auf die Idee, ein Anrecht auf Erfolg zu haben?

Ein Ökonom würde sogar noch eins drauflegen: »Es wäre noch schöner, wenn man einfach irgendetwas tun könnte, das einem Spaß macht, und eine Erfolgsgarantie dazugeschenkt bekäme. Das widerspricht jeglichem wirtschaftlichen Prinzip. Es geht nämlich immer um Nachfrage und Angebot.«

»Ja, aber, verdammte Scheiße«, würdest du ihm entgegenschreien, »Mein Buch ist meine Mission, es kann unzähligen Menschen dabei helfen, ein besseres Leben zu leben, sich wohler zu fühlen, sich einfach mal wegzubeamen … mein Buch ist einfach gut. Nein, es ist wunderbar! Hey, es ist mein Buch, kapierst du nicht?« Dein Herz klopft in wilder Verzweiflung, weil dich der Arsch so überhaupt nicht versteht, keinen blassen Schimmer hat, wie viel besser dein Buch ist, als viele, die du gelesen oder in die du hineingelesen hast.

Der Ökonom prallt von dir zurück, gerade, dass er nicht die Arme vors Gesicht reißt, um keine Splitter abzubekommen. Als er die physische Gefahrlosigkeit erkennt, steckt er die Hände in die Hosentaschen, die Farbe kehrt in sein Gesicht zurück, in Begleitung eines mitleidigen Ausdrucks. »Willkommen im echten Leben«, sagt er emotionslos, nein, ein wenig mitfühlend sogar. Denn er erinnert sich vage daran, in grauer Vergangenheit etwas Ähnliches erlebt zu haben – als seine Mutter damals bedauernd-wohlwollend mit gekrümmtem Zeigefinger über seine Wange strich, als er mit brennender Begeisterung davon schwärmte, Astronaut zu werden.

In den Träumen von Autoren dreht es sich um jubelnde Leser – und wenn es nur fünfzig sind – die … ja, worüber jubeln sie eigentlich? Natürlich über die Geschichte. Denn sie ist originell oder humorvoll oder spannend oder herzerwärmend oder weise oder all das und noch mehr. Aber worüber jubeln sie in ihren Autorenträumen wirklich? Also in ihren Träumen als Menschen der Rasse ›Autor‹? Sie jubeln der Autorin zu, dass sie ein toller Mensch wäre, dass sie sie lieben würden und wertschätzen, was sie schreibt. Sie erfüllen ihr Autorenbedürfnis nach Gesehenwerden, Zuneigung, Bewundertwerden … lassen wir die Details: sie erfüllen ihr Bedürfnis, geliebt zu werden. Dieses eine, verdammte Bedürfnis, auf das beinahe alles in unserem verdammten Leben hinausläuft. Schließlich hat sie sich um ihre Lesergunst jahrelang bemüht mit dem, was schon seit jeher gut klingt, nämlich mit ›harter Arbeit‹. Was tun die Leser stattdessen? Sie strafen sie nicht einmal mit Ignoranz. Schlimmer: Sie wissen nicht einmal etwas von ihrer heldenhaften Existenz.

Und nun sitzt du – du bist nämlich ›Sie‹ vom letzten Absatz – vor deiner Flasche Rotwein und denkst: »Soll ich jetzt echt drei Jahre Arbeit in die Tonne schieben?«, und dir ist zum Heulen zumute.

Nun nimmst du eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahr.

»Ist hier noch frei?«

Du siehst dich in dem beinahe leeren Café um und nickst mit Falten auf der Stirn und Ablehnung im Gemüt. Während sich die Figur setzt, musterst du sie unauffällig. Das einzig Abstoßende an ihr ist der zufriedene Ausdruck in ihrem Gesicht. Du hasst gerade alle Menschen mit zufriedenem Gesichtsausdruck. Also drehst du deinen Stuhl um dreißig Grad nach links, dass die Figur aus deinem Blickfeld verschwindet und ziehst dein Rotweinglas vor dich. So gerät das Fenster auf die Straße schräg vor dich. Dort steht eine ausgediente Waage, so eine alte, weiße, die aussieht wie eine schmale, auf der Spitze stehende Jakobsmuschel mit einem Zeiger wie ein umgekehrtes Pendel. Daneben steht ein Häuschen aus Keramik. Daneben ein Schaukelpferd. An der Seite des Fensters, bei der Wand, klemmt zwischen Boden und Decke ein schmales, überquellendes Bücherregal.

»Sehen sie das Gelbe mit der weinroten Binde?«

Es ist dir unangnehm, von hinten angesprochen zu werden und du drehst den Kopf zur Seite, nachdem du das Buch entdeckt hast. Du nickst. Du kennst es. Ein bekannter Titel.

Die Zufriedenheit der Figur an deinem Tisch treibt ihren Mund zu einem breiten Grinsen auseinander. Widerwärtig, einfach nur abstoßend.

Du willst dich gerade wieder deinem Weinglas zuwenden, da fährt die Figur fort: »Es ist von mir.«

Deine Brauen ziehen sich abermals zusammen, doch diesmal verbunden mit einem Gefühl der Hoffnung, das, einem Osterputz gleich, aber im Handumdrehen, deinen finsteren Gefühlsstaub zum Fenster hinausbläst. Du drehst deinen Stuhl um vierzig Grad nach rechts und ziehst dein Weinglas mit. »Von Ihnen?«

»Ja.«

»Wie ist Ihnen das gelungen?«

Die Figur lacht unbeschwert. »Keine Ahnung.«

Ja, klar, keine Ahnung, schon gut. Bei so einem Buch. Tolle Kritiken, ein Bestseller. Es missfällt dir, auf den Arm genommen zu werden.

Als ob deine Gedanken von deinem Gesicht abzulesen gewesen wären, antwortet die Figur: »Ach, eine verrückte Geschichte. Ich wollte das gar nicht …«

»Sie wollten es nicht?«

Die Figur schüttelt den Kopf. »Ich hatte aufgegeben. Mich mit meiner Erfolgslosigkeit abgefunden. Es war das erste Buch, das ich deshalb geschrieben habe, weil es mir guttat, weil mich das Formulieren freute, es mich befriedigte, meine inneren Bilder in Worte zu gießen. Wissen Sie, das war so. Ich hatte in meinem Leben etwas Seltsames beobachtet: Immer dann, wenn ich mir etwas in den Kopf setzte, funktionierte es nicht. Wenn ich hingegen völlig ahnungslos war, begegnete mir das Glück. Im Nachhinein stellte sich stets heraus, dass meine Ideen mir wohl nie das Ersehnte gebracht hätten, der Zufall indes mein innerstes Sehnen kannte und mich zu dessen Ziel führte.« Die Figur schnaubt, zuckt mit den Schultern. »Eines Tages habe ich einfach aufgegeben.« Draußen parkt jemand in die eigentlich zu enge Parklücke und prompt erzittert das Auto davor und gleich darauf das dahinter. »So nach dem Motto ›der Klügere gibt nach‹. Ich schrieb diese Geschichte und dachte keinen Augenblick daran, dass ich damit etwas erreichen würde. Ich habe in meinen Augen bedeutend Besseres geschrieben. Aber nein, genau mit diesem Buch holte mich der Erfolg in einer Reihe von Zufällen in sein Reich.«

»Und die Moral …?« Zuerst hat sich in dir ein Gefühl der Resignation breit gemacht. Aber, auf eine Art magisch – du kannst nicht festmachen, wann genau – ist in dir die Rastlosigkeit einer unbekannten stillen Freude gewichen. Du bist verwirrt.

»Die Moral …« Die Figur blickt zu der Frau mit dem Kind, das seine Nase bei dem Schaukelpferd an die Scheibe presst und die Mutter an der Jacke zieht. »Ich habe es aufgegeben, etwas zu wollen.« Die Figur blickt dich eine Weile an und fährt schließlich fort: »Ich achte lediglich mehr darauf, das zu tun, bei dem mein Herz aufgeht. Mir ist klargeworden, dass ich selbst viel zu wenig Durchblick habe, was mir wirklich guttut. Ich weiß nicht mehr, wo ich vor Jahren den Satz gelesen habe: ›Heilung können wir nicht erarbeiten, sondern sie ist das Geschenk des Universums, uns aufs Leben eingelassen zu haben.‹ Das war wie ein Samen, der irgendwann aufgegangen ist, als ich schlief. Seitdem stören mich Hindernisse kaum, dafür bin ich neugierig, was mir als Nächstes zufällt.«

Ein Kommentar zu “»Und jetzt soll ich alles hinschmeißen?«

Schreibe einen Kommentar