Was ist ein Plot?

Dass viele Autoren nicht plotten, sondern aus dem Bauch heraus schreiben, ist bekannt. Plotten bringt zwar Struktur und behütet vor Sackgassen, aber es kann durchaus auch ohne gehen. Dass ›der Plot‹ nichts leicht Verständliches ist, beweisen nicht nur nichtssagende, meist sogar falsche Definitionen, sondern auch die Unsicherheit vieler Autoren zum Thema.

Demnach, was ich rundherum höre, scheint Plotten für die meisten ein Synonym für ›Planung und Zusammentragen von Handlungspunkten für eine Geschichte‹ zu sein. Sucht man andererseits in einer Internet-Bildersuche nach dem Begriff ›Plot‹, entdeckt man, wenn man alles branchenfremde ausklammert, das rechts abgebildete Schema in unterschiedlichsten Varianten. Das hat zwar durchaus etwas von Plan und Struktur und wichtigen Punkten in einer Geschichte, ist aber nichts weniger als eine chronologische Aufzählung der Aktionen.

Auch sonst landet man relativ schnell bei verschiedenen Plotstrukturen wie dem Dreiakter, Fünfakter oder Sieben-Punkte-System bis hin zu raffinierteren wie Heldenreise oder Schneeflockenmethode. Das sind aber nicht verschiedene Sichten auf die Welt, sondern lediglich Nachkommen des klassischen Dreiakters, den schon die Griechen kannten – Spreizungen, Detaillierungen inklusive kreativer Add-ons wie das Explodieren der Schneeflockenmethode.

Wen die Thematik ›Plot‹ interessiert, dem empfehle ich 20 Masterplots – Die Basis des Story-Building in Roman und Film von Ronald B. Tobias. Dort kann man nicht nur über die unteschiedlichen Plots lsesen, sondern auch darüber, was ein Plot nun eigentlich ist. Wenn man sich die Grafik rechts ansieht, könnte man leicht auf den Gedanken verfallen, ein Plot wäre ein System, wie man eine Geschichte schreibt, eine Art Skelett. Doch der Plot ist mehr. Er mag  dieses Skelett benötigen, aber er braucht Luft zum Atmen und steht in Wechselwirkung zur Geschichte. »Er ist eine Kraft, die jede Seite, jeden Absatz, jedes Wort durchdringt«, sagt Tobias dazu. Er meint, Elektromagnetismus wäre eine besser Metapher für einen Plot als das Gerüst.

Ein Plot ist eine Kraft, die all die Komponenten einer Geschichte (Wörter, Sätze, Figuren, Schauplätze und Handlung) in eine bestimmte Form bringt. Das zeigt bereits, dass es ›den Plot‹ nicht gibt. Also im Sinne von ›das ist einer‹ und ›das ist keiner‹. Ich glaube, das ist der Grund, warum man schwer befriedigende Beschreibungen finden kann, was ein Plot ist. Vielleicht erkennen wir nun, dass ein Plot eine Art Energie ist. Die Seele sozusagen, die das Skelett zum Glühen bringt. Wie ein Magnet, um den sich die Komponentenspäne passend organisieren. Im günstigsten Fall sogar praktisch von selbst.

Plotten bedeutet, eine Energie zu schaffen. Das Wirken dieser Energie, die Weise, wie sie die Ingredienzien der Geschichte anordnet, das ist der eigentliche Plot. Dass dabei die vielzitierte Spannungskurve eine erhebliche Rolle spielt, samt all ihren Gefolgsleuten wie Ausgangssituation, auf- und absteigende Handlung, ›Sex at sixty‹, Höhepunkt, Dénoument, ist naheliegend. Denn all diese Komponenten geben der Energie die Form und Intensität, die den Leser nicht mehr vom Haken lässt – oder auch schon.

›Den‹ Plot gibt es nicht. Doch gibt es ihn. Vielleicht lässt es sich so besser verstehen: Es gibt einen blauen oder grauen Himmel, gleißendes Weiß eines Sandstrands, romantisches hawaiianisches Sonnenuntergangsrot, glühende Katzenaugen im Dunkel – und alle haben etwas gemeinsam, eine Energie, die das alles möglich macht: das Licht.

Freilich kann man den Plot nicht mit dem Licht vergleichen, aber er ist eine ebenso mystische Kraft, die jeder guten Geschichte innewohnt, wie das Licht dem Sonnenuntergang oder dem Nordlicht. Unser Job beim Plotten ist es, diese Energie zu finden, zu stärken und zu formen. Und hier betritt das die Bühne, was auf der Grafik dargestellt ist: eine gezackt aufsteigende Linie bis zu einem Höhepunkt gegen Ende, die dann jäh abfällt und in einem Kiss-off ausläuft. Man könnte sagen, es handle sich um das Rückgrat der Plot-Energie.

Es ist nachvollziehbar, dass es kaum sinnvolle Definitionen des Plots gibt. Denn es nichts simpel Gegenständliches, sondern ein Mysterieum, das man sich erst erschließen muss, indem man sich hineinfühlt und versucht, zu den Urgründen vorzudringen. Sicher kein Thema, das sich mal so schnell-schnell im Vorübergehen erledigen lässt. Aber sind wir nicht Autoren, und lieben es, in Geheimnisse einzutauchen?

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