Wie anfangen?

Wo anfangen? Am Anfang? Mittendrin? Erzählen oder Gefühle? Die Fragen rotieren im Kopf, dass einem schwindlig werden kann. Dabei ist es eigentlich ganz einfach.

Irgendwo beginnt jede Geschichte. Nur wie? Und wo? Und womit?

Für mich ist die Metapher für das Leben schlechthin der Fluss. Und nicht umsonst heißt es, wenn man sich gut und richtig fühlt, dass man in ihm ist, also im Fluss. Deshalb lasst uns hier als Ankerpunkt einen Ausschnitt eines der ganz bekannten Flüsse nehmen: den Mittellauf des Amazons.

Und was soll der rote Wurm mit den zwei Köpfen? Das ist unsere Geschichte. Allein aus diesem Bild können wir schon viel für unsere Story ableiten:

  1. Irgendwo hat der Fluss eine Quelle und irgendwo mündet er in den Atlantik. Ist das für unsere Geschichte relevant? Nein. Denn sie ist ein kleines Stück, während dem wir dem Fluss folgen. Das fängt irgendwo an und hört irgendwo auf. Nur sehr selten beginnen Bücher mit dem Klaps auf den Popo des Protagonisten, damit er endlich seinen ersten Schrei tut und ebenso selten verabschieden wir uns von ihm auf seinem Totenbett.
  2. Flüsse – außer wir Menschen haben daran herumgepfuscht – fließen nicht gerade. In Mäandern passen sie sich der Gegend an. Und das nicht nur horizontal, sondern auch vertikal: enge Schluchten mit Wasserfällen wechseln sich mit trägem Dahinfließen ab.
  3. Flüsse verlaufen nicht nur nicht gerade, sondern sie teilen sich mitunter, um dann wieder zueinander zu finden. Auch hier passt der Vergleich: Geschichten können Nebenstränge haben, aber diese müssen sich irgendwann, wie man sagt, ›auflösen‹ – also sich wieder zu einem Ganzen vereinen.
  4. Ist ein Fluss auf der ganzen Strecke interessant? Ich bin den Amazonas noch nie von seiner Quelle bis ins große Meer entlanggetrieben. Aber ich glaube, dass es viele Orte gibt, die etwas eintönig sind.

Daraus können wir schon viel für unsere Geschichte lernen:

  1. Wir erzählen aus einem langen Leben nur einen Teil.
  2. Es geht nicht linear von A nach B, sondern Krümmungen und Unwägbarkeiten halten den Leser bei der Sache.
  3. Erzählstränge können neugierig machen und wir können nebenher einen Blick auf Begleitendes werfen.
  4. Wir picken uns den Teil heraus, der spannend ist. Das davor interessiert uns mäßig bis gar nicht und das danach sowieso nicht. So wie hier auf dem Bild können wir uns vorstellen, dass wir nach einer gemütlichen Phase losstarten, wo sich der Fluss in eine Schlucht stürzt. Und wir hören auf, bevor es langweilig wird (und sie liebten sich bis ans Ende …)

Es ist also schon einmal klar geworden, dass wir nicht bei Adam und Eva beginnen müssen. Vielmehr: Schubs, das Wasser spritzt (kalt!) und los geht’s! Atemlos blickt der Leser um sich, hoppla, was ist jetzt los?! Aber es sollte nicht verwirrend und völlig irr sein, sondern gut nachvollziehbar. Die Zunge eines Chamäleons ist zwar sehr schnell, aber klebrig. Wir wollen den Leser ja in unserer Geschichte festkleben, dass er nicht entkommen kann. Die schnelle Zunge ist ein guter erster Satz (eigentlich schon ein tolles Cover und ein guter Klappentext). Das Klebrige ist die Stimmung die wir erzeugen. Bekannt soll es sein, dass man sich gut hineinversetzen kann. Selbst wenn die Gegend völlig fremd ist – bei Fantasy zum Beispiel – können wir mit Gefühlen die nötige klebrige Nähe erzeugen. Angst schmeckt nämlich auf dem Mars gleich wie auf der Erde.

Wir brauchen also etwas ganz Besonderes als Anfang. Außer wir sind bekannter Bestsellerautor, den man wegen des Namens kauft. Die haben ein bisschen Gnadenfrist. Aber sonst haben wir nur einen Schuss. Dieses Besondere, der Köder, kann sich irgendwo in der Geschichte befinden, es muss nicht der wirkliche Anfang sein. Aber am besten sehen wir uns das an ein paar beispielen an.

1. Airport Madrid – Anfang ein Jahr später als der wirkliche Anfang

Wo, zum Henker, ist das Gate, zu dem ich muss? Soll ich hier links oder rechts? Hitze schießt mir in den Kopf, so, wie es mir immer geht, wenn ich vor Entscheidungen stehe und nicht genug Zeit zum Überlegen und Abwägen habe – was zugegebenermaßen sehr selten vorkommt. Jetzt presst mir die Panik sämtliche Gedanken aus dem Kopf, auch etwas, das es sonst nicht gibt. Denn mein Kopf ist üblicherweise mit einem beliebig großen Verschiebebahnhof vergleichbar, auf dem jede Menge Züge gleichzeitig koordiniert werden. Wohlgemerkt: ohne zusammenzustoßen.

Vor mir verläuft in beide Richtungen eine schier unendliche Glaswand, die Wegweiser jedoch ohne die Information, die ich suche. Bin ich überhaupt an einer völlig falschen Stelle gelandet? Ich blicke auf meine Notiz auf dem Smartphone. Nein, es muss stimmen. Links? Rechts? Es ist immer besser, das Rechte zu tun, also rechts.

Ich streife mir die Pumps von den Füßen – warum nur hab ich diese dämlichen Dinger für den Flug gewählt? – und renne los. Meine nackten Füße klatschen auf den spiegelblanken Boden, jeder Schritt fühlt sich an wie ein Hieb bei einer Bastonade, dieser Züchtigungsmethode durch Schläge auf die blanken Fußsohlen.

Die Geschichte fängt mit einer verzweifelten Situation an: Die Protagonstin ist im Flughafen von Madrid auf der Suche nach dem Gate für den Weiterflug nach Hause. Die Spanne ist zu kurz, als dass sie es schaffen könnte. Außer Atem sucht sie. Ich spoilere: Sie schafft es nicht, sondern verpasst den Flug und sitzt bis zum nächsten Morgen fest. Sie nimmt aber kein Hotel, sondern will die Zeit nutzen lassen, das Jahr vom wirklichen Anfang der Geschichte Revue passieren zu lassen und die dramatischen Ereignisse der letzten Monate aufzuarbeiten. Man kann das mit einer 6 vergleichen. Start dort, wo sich die Linie einmal berührt: Airport Madrid. Stellen wir uns die 6 dreidimensional vor, dann ist der Beginn des 6er-Schnörkels an diesem Schnittpunkt nach rechts weiter unten, und zwar ein Jahr weiter unten. Dort, also im zweiten Kapitel, beginnt die Story und sie beginnt natürlich nicht bei der Geburt, sondern als die Protagonistin 49 ist und etwas geschieht, das sie aus der Bahn wirft. Zwei Drittel des Buchs folgen dann den Mäandern, um schließlich wieder an genau demselben Punkt zu landen, also dort, wo sich der 6er-Strich das einzige mal berührt – wieder am Airport Madrid. Nur geht nun die Geschichte ab dort weiter.

2. Bühnenzauber – Der Anfang ist tatsächlich der Anfang der Geschichte

Als ob sie mich mit einem Schmetterlingsnetz gefangen hätte, so dicht waren die Maschen ihres Dufts. Ihre linke Hand lag auf dem Bistrotisch, von ihrem Weinglas kaum entfernt und zwei Handbreit von meiner Rechten, zu der sie schon seit Wochen nicht mehr fand. Nicht nur ihr Duft, sondern – wie schon immer – wirkte auch ihr Äußeres auf mich wie eine eingeschaltete Kochplatte auf den Teekessel, der auf ihr stand. Sie trug ein schwarzes Top unter der bunten Tunika, der es selbst im schummrigen Dämmerlicht des Lokals nicht gelang, ihre Kurven zu verbergen. Jedes Mal spürte ich ein Ziehen im Bauch, wenn sich mein Blick nach rechts wegstahl: Der schwarze Bob, die großen dunklen Augen und die dunkle Tönung ihrer Haut – sie hatte etwas Zigeunerhaftes, Aufreizendes. Diese Augen … und wie sie leuchteten!

Aber ich wusste, dass sie das nicht für mich taten. Auch nicht für die Band, die auf der kleinen Bühne spielte, eine Vierer-Combo aus Piano, Gitarre, Percussion und einer Frau, die sowohl sang, als auch Saxofon spielte, eine unglaublich sexy Mischung, wie ich fand. Nein, Amandas Augen suchten immer wieder den Kellner drüben – unter genügend verhangenem Blick, wie sie wohl annahm.

Keine harmonische Liebesszene! Spannung, Eifersucht, eine Beziehung, die am Zerbrechen ist. Er ist vernarrt in sie, aber sie ist ganz wo anders. Fragen werfen sich auf, wie es wohl weitergehen mag.

3. Nano (noch nicht veröffentlicht) – Auch hier ist der Anfang der echte Anfang.

Wäre es ein Shaolin-Film, hätte die Kulisse nicht eindrucksvoller gewählt sein können. Das dachte sich Johnathan jedes Mal, wenn er und Brady mit ihren zwei leichten Enduros den Peak erklommen. Fight-Peak hatten sie ihn getauft. Nun knisterten die abkühlenden Motoren der beiden Maschinen, während sich am Horizont die Sonne anschickte, den heutigen Tag zu besiegeln. Sie breitete dabei ihr rotes Licht über die sich auffaltenden Berge Nevadas, was die karge Landschaft in eine Farbenpracht badete, die man ihr unter der brütenden Mittagssonne nie zugetraut hätte und die nicht selten Fotografen in die Gegend lockte.

Die beiden Männer absolvierten hier auf der Bergspitze ein Taekwondo-Training, was sie jedes Mal taten, wenn Brady Zeit dazu fand, aus Vegas herüberzukommen. Sie starteten mit einer Aufwärmrunde, um ihre Muskeln geschmeidig zu machen und zu dehnen. Auf dem Peak war nun lediglich ihr rhythmisches Keuchen zu hören und die federnden Schritte, wenn sie sich von der steinigen Oberfläche zu ihren Sprüngen abstießen.

Hier handelt es sich um einen Thriller. Also ist alles vorerst distanzierter. Dafür ist die Location ungewöhnlich: Auf der Spitze eines Berges in Nevada treffen sich zwei Freunde im Abendrot zu ihrem vierzenhtägigen Aikido-Training.

4. Lachsspringen – Erst drei Kapitel später erfolgt ein Sprung zum wirklichen Anfang der Geschichte

Er kann seinen Blick nicht von ihrem Fuß abwenden, den ein schlichter Pumps verhüllt. Das rote Ende ihres übergeschlagenen Beines wippt unregelmäßig. Von dem leichten Schlingern des Waggons kann es nicht rühren, nicht im Takt. Eine Angewohnheit? Nervosität? Gar seinetwegen? Oder wegen des Buchs, in dem sie gerade liest?

Er versucht sich vorzustellen, wie sich der elegante Schwung der Fessel unter dem weichen Leder fortsetzen mag; er beugt sich etwas vor und versucht sich an einem Röntgenblick. Der misslingt. Er lehnt sich wieder zurück und beobachtet, wie sie, an ihrer Umgebung desinteressiert, in ihrem Buch liest. Ein Teil ihres Gesichts und die mehr als schulterlangen Haare spiegeln sich im Fenster. Er sieht, wie ihre braunen Augen den Wörtern nachhüpfen und dabei immer tiefer wandern. Ein warmes Gefühl von Vertrautheit breitet sich in seiner Brust aus. Und das Bedürfnis, sie zu berühren.

»Sie würden mir eine große Freude bereiten«, machen sich seine Lippen selbstständig, »wenn ich Ihren Fuß massieren dürfte.«

Feuerrote Pumps sind der Aufhänger. Sie sitzen auf der wippenden Fußspitze einer Frau, die dem Protagonisten in einem Zugabteil gegenüber sitzt. Eine ungewöhnliche Anmache. Ob sie ihm eine runterhaut? Das Abteil wechselt? Amüsiert ist? Ihn nicht beachtet?

~ o ~

Anfänge sollen eines nicht sein: Eine langweilige Einführung in ein Setting, vielleicht sogar noch mit vielen Informationen, wie es dazu kam – gähn. Das interessiert kein Schwein. Was wir wollen, sind letztendlich immer Gefühle. Sei es Spannung, Mitgefühl, Zorn oder Freude. Zu beweisen, dass wir dieses Leserbedürfnis erfüllen können, ist der Job des Anfangs. Vertrauensvorschuss erzeugen. Ist das geschafft, dann kann es wieder entwas entspannter werden, aber erst dann. Und dann beginnt der Puls der Geschichte, eine Sinuskurve wie ein unregelmäßiger Herzschlag.

Ich wünsche dir viel Inspiration bei deinen Anfängen. Denn die sind die prickelndste Stelle bei einem Buch – finde ich.


Benutzer, die diesen Beitrag geliked haben

  • Dagmar
  • Innamoramento_72
  • Franz

Ein paar Kommentare zu “Wie anfangen?

  1. dagmardagmar

    Wie wahr, wie wahr. :) Wie oft liest man eine Geschichte oder sieht einen Film und fragt sich: Wann fängt denn endlich die Geschichte an? Es wird beschrieben, eventuell sogar noch die Vorgeschichte vollständig erzählt, viele banale Details werden erwähnt, aber um was es wirklich geht, erfährt man nicht. Auch werden keine Gefühle erzeugt, um sich mit den Protas zu identifizieren. Es ist einfach nur langweilig und dröge, und man legt das Buch weg oder schaltet den Film ab. Gerade Gefühle sind so wichtig, die Atmosphäre, die Stimmung, die man am Anfang erzeugt. Damit das Publikum auf die Geschichte eingestimmt wird.

    Aber das ist einfacher gesagt als getan, das muss man zugeben. Denn jemand anderen zu kritisieren ist immer einfacher, als es selbst besser zu machen. Ich bemühe mich zwar immer um einen spannenden Einstieg, aber es gelingt mir nicht unbedingt immer. Denn das ist wirklich gar nicht so leicht.

    1. martinmartin Autor des Beitrags

      So schwierig finde ich es gar nicht, Dagmar. Hinweise gäbe es in der Ratgeberwelt schon einige. Da fällt mir aber gerade eine Idee ein:
      Es gibt ja seit kurzer Zeit hier auf der Patchworkseite die Schreibpraxis und dort die Arbeitsgemeinschaften. Die sind genau dafür gemacht, dass wir uns gemeinsam den Themen widmen können, die unsere Schreibe flüssiger und eingängiger machen. Hast du Lust, dort mal reinzuschauen? Jedenfalls werde ich das Thema ›Anfang‹ dort mal aufgreifen.

  2. dagmardagmar

    Anfänge sind eigentlich nicht mein Problem. Mein Problem sind eher Schlüsse. Oder wie es dann nach dem aufregenden 1. Akt, in dem die Vorstellung der Figuren und der ganze Aufbau der Geschichte sie vorantreibt, im 2. Akt weitergeht. Da hänge ich beispielsweise im Moment gerade. Aber mein größtes Problem sind definitiv Schlüsse. Ich hasse es sowieso, eine Geschichte zu Ende zu schreiben, eventuell Geheimnisse aufklären zu müssen oder Missverständnisse, alles auf eine faktische Grundlage stellen zu müssen statt auf eine gefühlsmäßige, wie es mir mehr liegt.

  3. dagmardagmar

    Ergänzung (weil man die Kommentare nicht bearbeiten kann): Da ich bis kurz vor Ende nicht weiß, wie die Geschichte ausgeht, sind Schlüsse auch deshalb sehr anstrengend. Ich muss mir eine Erklärung für alles ausdenken, was ich vorher nur angedeutet oder gefühlsmäßig (dramatisch bis melodramatisch ;)) aufgebaut habe. Der Aufbau mit Gefühlen ist einfach, aber dann am Schluss eine (möglichst logische) Erklärung dafür zu finden, warum diese Figur sich in dem Moment so gefühlsmäßig echauffiert hat oder warum sie plötzlich gefühlsmäßig dichtgemacht hat, das ist oft schwierig. Denn ich habe das ja meistens aus dem Bauch heraus so beschrieben, weil der Effekt oder die gefühlsmäßige Spannung mir gefiel.

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