Nur sieben Worte – Sieben Worte – Leseprobe

Teil III – 7 Worte

Wir kön­nen vor uns nie da­von­lau­fen,
denn so­gar je­der Ge­dan­ke
bleibt bis zu sei­ner Er­lö­sung mit uns ver­bun­den.

1962 – Sieben Worte

In Bern­hard herrsch­te ab­so­lu­te Stil­le. Bis auf ein dump­fes Ufh … Ufh … Ufh, das gleich­mä­ßig in sei­nen Oh­ren pul­sier­te.

Gleich­zei­tig griff Eis­es­käl­te nach sei­nem Her­zen. Wa­rum be­weg­te sich Mar­got nicht? Er woll­te auf­sprin­gen, schrei­en, Hil­fe ho­len, sich auf den Schüt­zen stür­zen, er kam sich vor wie in ei­nem Ka­rus­sell. Mit noch mehr Angst ma­chen­der Ge­schwin­dig­keit feg­ten die Bil­der durch sei­nen Kopf und er hat­te ab­so­lut kei­nen Plan, was er tun soll­te. So saß er auf dem Bahns­teig, ih­ren Kopf in sei­nem Schoß und strich über ihr Haar, über ih­re Wan­gen, schüt­tel­te sie leicht, hielt aber in­ne, als ihm klar wur­de, dass das nichts be­wirk­te.

»Mar­got … Du …«

Ih­re Augen­li­der flat­ter­ten. »Mein Bern­hard.« Er las es mehr von ih­ren Lip­pen ab, als dass er es hät­te ver­ste­hen kön­nen.

»Bleib bei mir«, flüs­ter­te er, wie­der­hol­te es lau­ter und schrie es dann hin­aus: »Bleib bei mir, lass mich nicht zurück!«

Sie be­weg­te die Lip­pen.

Er ver­stand sie nicht. Er beug­te sich so weit hin­un­ter, wie es mög­lich war, hob ih­ren Kopf leicht an zu sei­nem Ohr.

»Wir wer­den uns wie­der­se­hen«, flüs­ter­te sie.

»Geh nicht, bleib bei mir … bit­te …«

Sie lä­chel­te ihn an.

»Ich wünsch­te, ich könn­te mit dir ge­hen«, stieß er schluch­zend her­aus und wie­der­hol­te die Wor­te noch ein­mal. Es kam ihm vor, als hör­te er ein Dröh­nen, das aus dem Boden her­auf­stieg. Für ei­nen Augen­blick dran­gen Ge­räu­sche zu ihm durch, doch es war nur die­ser dump­fe Ton und ein Klir­ren. Angst­voll sah er sich um. Die Lam­pen, die sich über den Bahns­teig bogen, klirr­ten, und die Schei­ben der Bahn­hofs­hal­le eben­falls. Dann war der Spuk vor­bei. Ei­ne Gän­se­haut kroch sei­nen Rü­cken hin­auf. Mar­got hat­te ih­re Augen weit ge­öff­net. Es lag un­end­li­che Trau­rig­keit in ih­rem Blick. Es ging ihr bes­ser, dach­te er im er­sten Mo­ment, doch dann spür­te er wie­der die Käl­te, die in ihm auf­stieg und ir­gend­wie brach­te er sie mit dem Blick Mar­gots in Zu­sam­men­hang. Sie schien et­was sa­gen zu wol­len. Er ver­such­te, ihr noch nä­her zu kom­men.

»Ach Bern­hard, hät­test du das nur nicht ge­sagt.« Er ver­stand es ganz deut­lich, konn­te sich aber ab­so­lut kei­nen Reim da­rauf ma­chen. Was mein­te sie da­mit? Was hät­te er nicht sa­gen sol­len?
Wäh­rend er noch da­rüber nach­dach­te, spür­te er ei­ne lei­se Be­we­gung durch Mar­gots Körper be­ben, so, als ob man ein Ru­der­boot sanft an­stieß, es er­zit­ter­te und sanf­te Wel­len in die Run­de schick­te. Ih­re Augen blick­ten ihn mit dem­sel­ben be­küm­mer­ten Aus­druck an, nur waren sie nun in die­sem Aus­druck ver­stein­ert.

»Hey, mein Lie­bes«, sag­te er, strei­chel­te ih­re Wan­ge, »alles wird gut.« Zu­gleich spür­te er, das nichts mehr gut wür­de. Ihr Körper hat­te sämt­li­che Span­nung ver­lo­ren, ihr Kopf roll­te lo­se von ei­ner Sei­te auf die an­de­re, als er sei­ne Hand von ih­rer Wan­ge nahm. Bei die­ser Dre­hung ih­res Kop­fes wan­der­te ihr star­rer Blick auf ihn zu, streif­te ihn für den Bruch­teil ei­ner Se­kun­de und glitt in die an­de­re Rich­tung weg. Und ge­nau die­ser Augen­blick grub sich wie ei­ne glü­hen­de Na­del in sein Herz, ver­bun­den mit sei­nen Wor­ten ›Ich wünsch­te, ich könn­te mit dir ge­hen‹. Und ih­rer Ant­wort ›ach Bern­hard, hät­test du das nicht ge­sagt.‹

Et­was brach zu­sam­men, so, als ob die Bla­se, in der er ge­ses­sen hat­te, zer­sprun­gen wä­re. Mit Ex­plo­sions­ge­walt bra­chen alle Ein­drü­cke gleich­zei­tig über ihn her wie ei­ne Raub­kat­ze, die ihr letz­tes Hin­der­nis über­wun­den hat­te: der Bahns­teig, der quiet­schen­de, ein­fah­ren­de Zug, das Zi­schen der Hy­drau­lik, Schlei­fen von Stahl auf Stahl, ru­fen­de Men­schen, Staub, der Ge­ruch von Me­tall und Öl, ei­ne Tril­ler­pfei­fe.

Be­nom­men blick­te Bern­hard um sich. Drü­ben stand Ptak, zer­zaust. Zwei Män­ner lagen am Boden. Der Zug kam zum Ste­hen, die Türen wur­den auf­ge­stoßen, schnapp­ten ge­gen die Sei­ten­wän­de. Wie in ei­nem Film nahm er den Fluss der Aus­stei­gen­den wahr, schau­te und schau­te, als hät­te das alles nichts mit ihm hier zu tun. Er senk­te den Blick auf Mar­got. Schüt­tel­te den Kopf. Ein Ruck ging durch sei­nen Körper und er leg­te ei­ne Hand auf ih­re Augen, um sie zu schlie­ßen. Auf­at­men. We­nigs­tens nicht mehr die­ser Blick.

Je­mand nahm ihn am Arm, woll­te sie tren­nen, er hielt sie fest. Es war sei­ne Mar­got, nie­mand an­de­res hat­te hier et­was zu sa­gen. Der Griff wur­de drän­gen­der, ließ nach und ein Mann mit dunk­ler Uni­form kau­er­te sich ne­ben ihn.

»Sie kön­nen nichts tun«, sag­te er. »Ih­re Frau?«

Bern­hard nick­te. Wäh­rend der Mann mit ihm sprach, waren weite­re Leu­te hin­zu­ge­tre­ten und zo­gen Mar­got von ihm fort. Er hat­te nicht die Ener­gie, sich zu weh­ren. Dann war sie mit ei­nem Mal weg, da­für ei­ne La­che dunk­len Blu­tes, das in ei­ner Schleif­spur von ihm weg­führ­te. Der Blick, sei­ne Wor­te, ih­re Wor­te, die Blut­spur. Es schien ihm, als wä­re nun das Bild kom­plett mit sei­nen vier Ecken: Blick, Wor­te, Wor­te, Blut. Je­mand griff ihm un­ter den Arm, half ihm auf, Schmerz schoss in sei­nen Fuß. Wer weiß wie lang er in die­ser ver­dreh­ten Hal­tung auf dem kal­ten Boden ge­ses­sen hat­te. Was ihm doch für selt­sa­me Din­ge durch den Kopf gin­gen. Er dreh­te sich um, sah zurück, blick­te den Boden an, aha, so sieht er aus, hier ha­be ich eben noch ge­ses­sen. Sei­ne Wahr­neh­mung schrum­pfte auf ein paar Ne­ben­säch­lich­kei­ten zu­sam­men. Bahn­hofs­hal­le, zu­gig, wei­ßer Ret­tungs­wagen, wie no­bel, ein Ci­tro­en, die Stadt zog an ihm vor­bei, dann wei­ße Wän­de, dann Dun­kel­heit.

Essenswagen und Neonröhren

Als Er­stes nahm er ein hum­peln­des Kla­ckern wahr, das er nicht ein­ord­nen konn­te. Da­zu Stim­men, ge­dämpft wie hin­ter ei­ner Tür. Er be­müh­te sich, die Augen zu öff­nen, doch es woll­te nicht ge­lin­gen. Er gab auf und ver­sank wie­der im Nichts.

 

Neu­er Ver­such. Dies­mal ge­lang es ihm, ein Au­ge zu öff­nen. Er blin­zel­te. Ei­ne Neon­röh­re blen­de­te ihn. Wo war er? Mit aller Kraft stemm­te er sich ge­gen sei­ne Augen­li­der, konn­te end­lich bei­de öff­nen. Das Licht biss in sei­ne Ner­ven wie ag­gres­si­ves Gas. Als er ver­such­te, sich auf­zu­rich­ten, hör­te er, wie ei­ne Tür ge­öff­net wur­de. Schrit­te ka­men nä­her und das vor­her ge­däm­pfte Ge­wirr an Ge­räu­schen rann her­ein wie ei­ne be­schei­de­ne Über­schwem­mung.

»Ah«, sag­te ei­ne Stim­me, »es geht ja schon wie­der.«

Die­se Stim­me ge­hör­te zu ei­ner Frau in Weiß, ge­nau­er: zu ei­ner Kran­ken­schwes­ter.

»Wa­rum bin ich hier?«, woll­te er sa­gen, aber es ge­lang ihm erst nach wie­der­hol­tem Räu­spern im drit­ten An­lauf. Wie­der hör­te er das har­te schlab­bern­de Ge­räusch und sah auf den Gang hin­aus. Er sah ge­ra­de noch ei­nen chrom­glän­zen­den Wagen mit Wä­sche vor­bei­rol­len. Das hin­te­re Rad flat­ter­te, als wür­de man ihm stän­dig Ohr­fei­gen ver­pas­sen. Neu­lich war er mit Mar­got spa­zie­ren ge­gan­gen, als ih­nen ein Mann und ei­ne Frau ent­ge­gen­ka­men, zwi­schen sich ein Kind schwin­gend, das, von bei­den an ei­ner Hand ge­hal­ten, Sieben­meilen­stie­fels­chrit­te mach­te – ei­nen für drei Er­wachs­enen­schrit­te. Er at­me­te auf , die Ur­sa­che für das Ge­räusch ent­deckt zu ha­ben, das ihn beim er­sten Auf­wachen be­grüßt hat­te. Spa­zie­ren … Mar­got. Mar­got! Mit ei­nem Ruck war wie­der alles da, so, als ob er eben vom Bahns­teig auf­ge­stan­den wä­re. Wie war er hier­her ge­langt?

»Sie hat­ten ei­nen Ner­ven­zu­sam­men­bruch«, sag­te die Kran­ken­schwes­ter.

»Wie geht …«, be­gann er, wur­de sich aber dann der Ab­sur­di­tät sei­ner Fra­ge be­wusst.

Sie sah ihn fra­gend an.

»Ach nein, nichts, das war Blöd­sinn«, mur­mel­te er.

»Ist alles in Ord­nung?«, frag­te sie.

Er zog die Brau­en zu­sam­men. In Ord­nung? Das soll­te wohl ein Scherz sein.

Sie muss­te sei­nen auf­kei­men­den Är­ger be­merkt ha­ben, denn sie er­gänz­te schnell: »Ich mei­ne, den Um­stän­den ent­spre­chend … körper­lich.«

Er nick­te. Zwei wi­der­sprüch­li­che Be­dürf­nis­se strit­ten in ihm. Er woll­te schla­fen, ein­fach nur ver­ges­sen. An­de­rer­seits mach­te ihn das un­tä­ti­ge Lie­gen ner­vös. Nur – was soll­te er tun? Er seufzte.
Die Schwes­ter lä­chel­te. »Ich muss bei Ih­nen Fie­ber mes­sen.«

»Bei ei­nem Ner­ven­zu­sam­men­bruch?«

»Rou­ti­ne.«

»Ach so, ja.« Er hob den Arm an, da­mit sie ihm das Glas­röhr­chen un­ter die Ach­sel schie­ben konn­te.

»Ich kom­me gleich wie­der. Sie las­sen es ein­fach drin?«

Er nick­te. Was denn sonst. Sie blick­te noch ein­mal auf die Kar­te, die am Fu­ßen­de sei­nes Bet­tes hing, lä­chel­te ihn kurz an und streb­te der Tür zu, die gleich da­rauf ins Schloss fiel.
Was soll­te er nun ma­chen? Ja, was wohl. Weiter wie bis­her. So wie vor dem Tag, als Mar­got in der Fir­ma auf­ge­taucht war. Die Zeit zurück­schrau­ben, durch­at­men, ver­ges­sen und weiter­ma­chen. Zwar kam ihm sei­ne Ba­de­wan­ne mit der wun­der­ba­ren Tur­bi­ne unin­te­res­sant wie ei­ne Schot­ter­hal­de vor und sei­ne Ar­beit in der Fir­ma wie ge­dan­ken­lo­se Fa­brik­ar­beit. Aber das wür­de sich le­gen. Er wür­de alles ver­ges­sen. Wür­de sei­nen Elan wie­der­fin­den, sei­ne Be­geis­te­rung, man wür­de die Ge­nia­li­tät der Tur­bi­ne er­ken­nen und dann wür­de alles an­ders. Er wür­de als Er­fin­der sei­ner Zeit in die Fach­bü­cher ein­ge­hen und als so­zia­ler Wohl­tä­ter oben­drein. Aber das Lä­cheln, das er bei dem Ge­dan­ken er­war­te­te, blieb aus. Statt­des­sen ging die Tür auf.

»Ist glau­be ich …«, be­gann er, un­ter­brach sich aber. Nicht die Schwes­ter, son­dern Ed­gar stand im Tür­rah­men. Er reck­te den Hals vor, sah prü­fend zum Bett hin­über, dann ging ein Grin­sen über sein Ge­sicht.

»Mensch Bern­hard, du bist wie­der bei uns«, sag­te er, kam nä­her und klopf­te sei­nem Freund auf die Schul­ter. »Ha­ben uns mäch­tig Sor­gen ge­macht!«

»Ach, alles halb so wild.«

Ed­gar hob die Augen­brau­en. »Halb so wild?« Er blies den Atem mit auf­ge­bla­se­nen Ba­cken aus. »Du warst drei Ta­ge weg vom Fens­ter!«

Was? Drei Ta­ge? Das konn­te doch nicht sein. Ver­dammt, was war ge­sche­hen? Bern­hard fühl­te sich mit ei­nem Mal klein, un­wich­tig und vor al­lem völ­lig allein und un­ge­schützt. Ger­ne hät­te er sei­nen Kopf in das Kopf­kis­sen ge­drückt und los­ge­heult. Aber nicht vor Ed­gar. Al­so be­schränk­te er sei­ne Ge­fühls­auf­wal­lung auf ein et­was zit­tri­ges Seuf­zen.

Mit Schwung flog die Tür auf und die Schwes­ter stürm­te her­ein. »Tut mir leid, es ist was da­zwi­schen­ge­kom­men.« Bern­hard war froh um das rü­de Auf­mi­schen der Stil­le und fin­ger­te das Fie­ber­mes­ser un­ter der Ach­sel her­vor. Die Kran­ken­schwes­ter hielt den Kopf schief, als sie da­rauf sah.

»Alles in Ord­nung?«, frag­te Bern­hard.

»Ja, aber ums Fie­ber geht es nicht.«

»Wann kann ich raus?«

»Sie müs­sen bis zur Vi­si­te mor­gen Früh war­ten.«

Bern­hard war vor­her nur ein­mal als Pa­tient im Kran­ken­haus ge­we­sen, da­mals mit ein­und­zwan­zig, zwei Wo­chen, nach­dem sei­ne Mutter ge­stor­ben war. Das war an­läss­lich ei­ner Blind­darm­ope­ra­tion und auch da­mals war es Ed­gar ge­we­sen, der ihn be­sucht hat­te. Die ver­damm­te Ver­lo­ren­heit war so dick wie Me­las­se und Bern­hard wä­re am liebs­ten aus dem Bett ge­sprun­gen, da­mit sie ihn nicht über­schwemm­te. Un­sinn, Un­sinn, däm­li­cher, schalt er sich, bil­de dir nicht so ei­nen Quatsch ein! Er straff­te sich in­ner­lich und be­merk­te, dass er sei­ne Schul­tern zurück­nahm und dass Ed­gar grins­te.

»Na«, sag­te der, »ich seh, du wirst schon wie­der. Wirst se­hen, das geht vor­bei.« Er klopf­te ihm aber­mals auf die Schul­ter. Dann blick­te er zurück und an­gel­te sei­ne Ak­ten­ta­sche. Er drück­te den Ver­schluss nie­der und die kup­fer­far­be­ne Zun­ge glitt durch den Ha­ken. Noch­mals sah er über die Schul­ter. Nun nahm er ei­ne klei­ne Milch­fla­sche her­aus. Nur war der In­halt nicht weiß und opak, son­dern rot und durch­sich­tig. Ach Ed­gar! Ei­ne Wel­le von Zu­nei­gung schwapp­te durch Bern­hard. Ed­gar schraub­te die Fla­sche auf und reich­te sie Bern­hard. Da­bei zwin­ker­te er ihm zu. »Kann­ste jetzt si­cher brau­chen.«

Bern­hard lä­chel­te und nahm ei­nen tie­fen Schluck. Dann hielt er die Fla­sche Ed­gar hin.

»Nee, trink du nur, ich hab Zu­hau­se den Rest der Fla­sche.«

Bern­hard glaub­te zu spü­ren, wie der Al­ko­hol im Ma­gen auf vor­bei ei­len­de Blut­körper­chen auf­sprang. Sie muss­ten auf dem Weg nach oben ge­we­sen sein, denn gleich da­rauf fühl­te er, wie sei­ne Ge­dan­ken un­scharf wur­den und ih­re schmer­zen­den Kon­tu­ren ver­lo­ren. Er be­ob­ach­te­te, wie die Schär­fe bei ih­rem Ver­schwin­den auch gleich die dro­hen­de Lee­re und Hoff­nungs­lo­sig­keit un­ter­hak­te und mit sich nahm. Er be­dach­te Ed­gar mit ei­nem wei­te­ren Lä­cheln. Sein Freund! Dann trank er die Fla­sche in ei­nem Zug leer und reich­te sie Ed­gar zurück. Der ver­schraub­te sie, ließ sie im Dun­kel der Ak­ten­ta­sche ver­schwin­den, schlug die Klap­pe zu und steck­te die Zun­ge des Schlos­ses un­ter den Bü­gel. Das Schnap­pen ging im Ge­räusch der sich öff­nen­den Tür un­ter. Ed­gar hob ver­schwö­re­risch sei­ne Augen­braue und Bern­hard grins­te. Ge­ra­de noch ein­mal gut ge­gan­gen.

Ein Arzt trat ein und blieb ne­ben Bern­hard ste­hen. Dann zog er leicht die Augen­brau­en zu­sam­men und schnüf­fel­te. »Sie brau­chen mich nicht an­zu­hau­chen«, sag­te er.

Bern­hard zuck­te die Schul­tern. »Me­di­zin. Ein Haus­mittel.«

»Ach ja na­tür­lich.« Die Aus­läu­fer der Lip­pen des Arz­tes zuck­ten kurz. »Wie füh­len Sie sich?«

»Ta­del­los. Wann kann ich raus?«

»Was wür­den sie dort tun?«

Das war kei­ne gu­te Fra­ge. Sei­ne Woh­nung und über­haupt die gan­ze Stadt fie­len mit all ih­rer Dun­kel­heit über ihn her. Er be­müh­te sich um ei­nen Plau­der­ton: »Nach Hau­se, le­sen … ir­gend­was in der Art.«

»Das ist gut«, sag­te der Arzt, »Kön­nen Sie ein Bad neh­men? Das wür­de Ih­nen gut­tun.« Ba­de­wan­ne … Wa­rum hat­te er das sa­gen müs­sen. Die Ba­de­wan­ne war für ihn un­trenn­bar mit Mar­got ver­bun­den, war es doch der Tag da­rauf ge­we­sen, als sie sich ken­nen­ge­lernt hat­ten. Und jetzt lagen die Tei­le in ihr und … {Ok, das ka­pier ich nicht. Die Tei­le der Ba­de­wan­ne lie­gen in Mar­got? }nein, fort mit die­sen Bil­dern.

»Viel­leicht fah­re ich auch auf Ur­laub«, sag­te Bern­hard.

»Gu­te Idee, Herr Fer­ret­ti. Ha­ben Sie je­man­den, der auf Sie schaut?« Die­ser Mann hat­te ei­ne Ga­be, das Fal­sche zu sa­gen, das war un­glau­blich. Bern­hard nahm sich zu­sam­men. Haupt­sa­che, er wur­de ihn schnell los.

»Ja, ist kei­ne Sa­che. Wann kann ich al­so raus?«

»Mor­gen. Mor­gen Früh nach der Vi­si­te.« Noch ei­ne Nacht. Ob­wohl … eigent­lich … Gab es hier Not­fall­ver­sor­gung, wenn ei­nem der Himmel auf den Kopf fiel?
Kalkrand an der Wasserlinie

Bern­hard lieb­te den Schub in den Rü­cken. Es hat­te für ihn et­was von Aben­teu­er. Die Mo­to­ren brüll­ten, die Ma­schi­ne schlin­ger­te hop­pelnd über die Start­bahn. Als ob sie sich vom Boden ab­stie­ße, sprang die Bo­eing 707 in die Luft und zog steil auf­wärts. Die Häu­ser und Stra­ßen schrum­pften und ver­san­ken in der Rechts­kur­ve. In Flo­cken feg­ten Wol­ken­fet­zen vor­bei, dann ver­ging das Außen in gleich­mä­ßi­gem Grau. Scha­de. Der Blick war so schön, wenn un­ten alles klein und un­wich­tig wur­de und er in der an­de­ren Welt saß, wei­tab von be­ruf­li­chen Pro­ble­men. Auch die Er­in­ne­rung an Mar­got wur­de blas­ser, klei­ner. Nur ei­ne Schnur um den Hals, kein Strick mehr.

Als er nach drei Ta­gen Kran­ken­haus wie­der in die Fir­ma ge­kom­men war, hat­te er sich an sei­nen Schreib­tisch ge­setzt, auf dem zwei sau­ber aus­ge­rich­te­te Sta­pel Un­ter­lagen war­te­ten. Aus­schrei­bun­gen, An­ge­bo­te, Be­hör­den­post. Das wä­re das Pro­blem, hat­te er ge­dacht, wenn man nicht nur die vor­ge­schrie­be­nen sechs­und­vier­zig Stun­den ar­beit­ete, son­dern sieb­zig und acht­zig: Man be­kä­me auch dop­pelt so viel Post. Seuf­zend streck­te er die Hand aus und hob die ober­ste La­ge vor sich. Er woll­te das er­ste di­cke Ku­vert auf­rei­ßen – ei­ne Aus­schrei­bung, sag­te der Ab­sen­der – als sei­ne Che­fin Lie­se­lot­te die Tür hin­ter sich schloss. Sie war so lei­se her­ein­ge­kom­men, dass er sie erst wahr­nahm, als das Schloss zu­schnapp­te. Es be­müh­ten sich über­haupt neu­er­dings alle in sei­ner Ge­gen­wart, sanft, lei­se und un­auf­dring­lich zu sein.

Sie setz­te sich auf ei­nen der bei­den Be­su­cher­ses­sel vor sei­nem Tisch und schlug die Bei­ne über­ein­an­der. Er leg­te den auf­ge­schlitz­ten Um­schlag wie­der zurück und sah sie an.

»Bern­hard …« Sie zö­ger­te und fuhr mit dem Fin­ger ei­ne Naht ih­res Ro­ckes ent­lang. »Bern­hard, es tut mir so leid, was ge­sche­hen ist.«

Er nick­te. Zu oft hat­te er das jetzt schon ge­hört. In ei­nem klei­nen Ort ver­brei­te­te sich solch ein Un­glück so gie­rig wie ein Step­pen­brand. Er konn­te es nicht mehr hö­ren, er woll­te nur ei­nes: Nor­mal­ität. Zurück dort­hin, wo er ge­we­sen war, be­vor Mar­got in sein Le­ben ge­tre­ten war. Sich wie­der mit all den Hoff­nun­gen an die Tur­bi­ne ma­chen, jetzt, wo sie end­lich vol­len­det war. Hin­aus zu den Or­ten, wo Ge­zeiten­kraft ge­braucht wur­de. Aber es mach­te ihm über­haupt kei­ne Freu­de. Mit hän­gen­den Schul­tern war er vor der Ba­de­wan­ne ge­stan­den, in der sich ein dün­ner Kalk­rand an der Was­ser­li­nie ge­bil­det hat­te, und hat­te auf sein Werk hin­un­ter­ge­se­hen. Es war ihm egal wie nur et­was. Er hat­te sich um­ge­dreht, die Tür ge­schlos­sen und war zu ei­ner wei­te­ren Zi­ga­ret­te auf den Bal­kon ge­schlurft.

»Bern­hard?« Lie­se­lot­tes Stim­me hol­te ihn zurück. Sie kam ihm un­si­cher vor.

Er rieb sich mit der Hand über das Ge­sicht. »Ver­zei­hung«, mur­mel­te er.

»Ge­nau aus die­sem Grund bin ich hier.« Ab­weh­rend hob sie die Hän­de, sie muss­te den Un­wil­len in sei­nem Ge­sicht ge­le­sen ha­ben. »Nein, kei­ne Kri­tik, im Ge­gen­teil. Ich ha­be mit Lot­har ge­re­det. Wir ver­ste­hen, dass Sie kei­nen Ur­laub neh­men möch­ten, Ar­beit ist gut, um es dunk­len Ge­dan­ken schwer zu ma­chen. Ich glau­be, hier er­in­nert Sie zu viel an die ver­gan­ge­nen Mona­te.«
Er seufzte. Da hat­te sie aller­dings recht.

»Ich ha­be al­so Lot­har ge­fragt, was mit der Vil­la von Schnell­mann in La Gran­de Mot­te wä­re. Er tritt Ih­nen das Pro­jekt ab.«

Bern­hard blick­te auf. Das war Lot­hars in­of­fi­ziel­ler Ur­laub ge­we­sen. Der Groß­in­dus­tri­el­le Schnell­mann, für den sie die neu­en Hal­len und das ge­sam­te Büro­ge­bäu­de hoch­ge­zo­gen hat­ten, ließ sich dort von ih­nen ei­ne schi­cke Vil­la hin­set­zen, die of­fi­ziell als Zweigs­tel­le be­zeich­net wur­de. Ob­wohl Lot­har als Fir­men­chef es nicht nö­tig hät­te, sich Tricks aus­zu­den­ken, um in Ur­laub zu ge­hen, hat­te er sich ge­freut, als wä­re ihm ein Coup ge­lun­gen, als er ver­kün­de­te, selbst dort un­ten die Bau­lei­tung wahr­zu­neh­men. Und die­se Freu­de woll­te er ihm nun ab­tre­ten?

»Sie se­hen«, sag­te Lie­se­lot­te und lä­chel­te, »ihm liegt viel an Ih­nen.«

Das hat­te Bern­hard ge­wusst, aber die­ses Opfer rühr­te ihn. Tat­säch­lich stell­te er sich vor, dass ihm die süd­li­che Son­ne in un­ge­wohn­ter Um­ge­bung gut­tun wür­de.

Drei Mona­te spä­ter war er mit ge­pack­tem Kof­fer vor der Haus­tür ge­stan­den und hat­te sich von ei­nem Po­lier zum Flug­hafen fah­ren las­sen.

Nun saß er al­so im Flie­ger, rund­um dich­ter Ne­bel. Nicht nur sein Zu­hau­se war ihm fern, son­dern auch ei­ne son­ni­ge Mittel­meer­küs­te schien ihm un­wirk­lich.

Dann stieß das Flug­zeug durch die Wol­ken­de­cke, wie­der fä­cher­ten Wat­te­bäu­sche vor­bei, als rit­te die Ma­schi­ne auf ei­nem flau­schi­gen Meer, er­hob sich da­rüber, ba­de­te in glei­ßen­dem Son­nen­licht, das ge­nau durch das ge­gen­über­lie­gen­de Fens­ter über die sechs Rei­hen Pass­agie­re bis zu ihm her­über leuch­te­te. Er steck­te die Zeit­schrift in die Ta­sche an der Rü­cken­leh­ne des Vor­der­manns und lehn­te sich zurück. Ein paar­mal wür­de er nach Frank­reich flie­gen, je­weils ein, zwei Wo­chen, viel mehr, als er eigent­lich müss­te, aber Lot­har hat­te da­rauf be­stan­den. Ja, er hat­te Glück im Un­glück. Denn er hat­te Freun­de.

Und trotz­dem. Wa­rum wur­de er nicht wirk­lich ernst ge­nom­men? Wa­rum konn­te er nicht je­mand sein, den sich die Leu­te merk­ten? Wa­rum ge­lang es ihm nicht, dass an­de­re ihn nach sei­ner Mei­nung frag­ten, weil er schlicht­weg kom­pe­tent war? Ja, na­tür­lich, in der Fir­ma, ja, ja, Lot­har schätz­te ihn und auch die an­de­ren Bau­lei­ter er­kann­ten ihn an. Aber das war nur des­halb, weil er ar­beit­ete wie ein Tier – und nicht sei­ner Kom­pe­tenz we­gen. Die Tur­bi­nen. Die Tur­bi­nen bräch­ten ihm die Wert­schät­zung an­de­rer Leu­te, nach der er sich so sehn­te. Na­tio­na­les An­se­hen, viel­leicht so­gar in­ter­na­tio­na­les. Er schüt­tel­te den Kopf. Nein, Star brauch­te er kei­ner zu sein, auch wenn es ver­lo­ckend wä­re. Aber da­für reich­ten we­der sein Aus­se­hen, noch hat­te er ir­gend­wel­che künst­le­ri­sche Fä­hig­kei­ten oder, Be­zie­hun­gen. Das mit der Tur­bi­ne wä­re schon in Ord­nung. Und wenn dann gar sein Vater das noch hät­te er­le­ben kön­nen … stolz hät­te er ihm den Er­folg prä­sen­tiert, dann hät­te er schon ge­se­hen, dass er sehr wohl in der La­ge war, et­was zu schaf­fen. Das Ge­zeiten­kraft­werk Ran­ce mit der Fer­ret­ti-Tur­bi­ne mit der vier­fa­chen Aus­beu­te. Er sah förm­lich die Schlag­zeilen vor sich. Er seufzte und hielt Aus­schau nach der Ste­war­dess. Ein Bier wä­re jetzt schön.

 

Ei­ne Ba­de­ho­se hat­te er kau­fen müs­sen, zu Hau­se war ihm so war­mes Wet­ter gar nicht in den Sinn ge­kom­men. Egal, sei­ne war alt und es war oh­ne­hin an der Zeit ge­we­sen, ei­ne neue zu be­sor­gen. Erst als er durch die Tür in der Haut des Flie­gers hin­aus auf das Po­dest der Pass­agier­trep­pe ge­tre­ten war, rea­li­sier­te er, dass er ja im war­men Sü­den an­ge­langt war.

Nun ach­te­te er nicht auf die Kin­der und Son­nen­ba­den­den rund­he­rum am Strand. Er stand auf, um sei­nem Fuß mehr Nach­druck zu ge­ben. Er war schon halb im rau­en, beigen Sand ver­schwun­den und nun wand sich sein gan­zer Körper um den Fuß. Ei­ne re­gel­rech­te Wol­lust über­kam ihn, tie­fer, ja, und noch ei­ne Dre­hung … dann ließ er sich in den Sand kip­pen, stöhn­te auf, als die He­bel­wir­kung am Knö­chel zerr­te. Ver­dammt. Er mas­sier­te die Ze­hen, be­weg­te sanft den Fuß, der Schmerz ließ nach, noch ein­mal Glück ge­habt. Seuf­zend streck­te er sei­ne Bei­ne von sich, ließ sich rück­wärts auf die Ell­bogen fal­len und sah aufs Meer hin­aus. Wie­der klopf­te die­se un­ter­schwel­li­ge Trau­er an, die er mitt­ler­wei­le als nicht zu Mar­got ge­hö­rend iden­ti­fi­ziert hat­te. Sie wa­ber­te in sei­nem In­ne­ren wie Gas­schwa­den, die über den Boden kro­chen und er frag­te sich, ob auch sie un­er­war­tet ex­plo­die­ren wür­den. Bern­hard wuss­te nichts mit sich an­zu­fan­gen, ja, es war ihm doch tat­säch­lich ein we­nig lang­wei­lig.

Er blick­te in die Run­de, sah ein pum­me­li­ges Mäd­chen tor­kelnd aufs Was­ser zu­lau­fen. Aus ei­ner Grup­pe Frau­en lös­te sich ei­ne, Mo­ni­que, Mo­ni­que, rief sie und rann­te ge­sti­ku­lie­rend hin­ter der Klei­nen her. Schnapp­te sie, nach­dem sie schon ein paar Tap­ser in ei­ne mü­de schäu­men­de Was­ser­zun­ge ge­tan hat­te, stolz zu ih­rer Ma­mi hin­auf lä­chel­te und sich fuch­telnd ge­gen das Zurück­ho­len wehr­te. Wie­der seufzte Bern­hard. War es schön, so ein Fa­mi­lien­le­ben? Er war sich gar nicht si­cher, auch wenn sich eben in ihm et­was War­mes, Sehn­süch­ti­ges ge­regt hat­te, als er die Sze­ne be­ob­ach­te­te. Er stand auf und wand­te sich nach rechts, dem Ort zu. End­los dehn­te sich der Sand­strei­fen zwi­schen Land und Was­ser in die Ferne. End­los und oh­ne wo­hin zu füh­ren, kam ihm die­ses Band vor. Nein, er wür­de es über­win­den, wür­de sei­ne Tur­bi­nen­ge­schich­te vor­an­trei­ben und sein Ziel er­rei­chen.